«Driver 2»: Ein Getriebener im Niemandsland

Die Verfilmung des Romans «Drive», mit Ryan Gosling als namenloser Stuntfahrer, war ein Überraschungserfolg. Hollywood hatte eine Fortsetzung erbeten – und Autor James Sallis hat geliefert: «Driver 2» heisst die Fortsetzung. Grosses Erzählkino, das nun auf seine Verfilmung wartet.

Ein Mann lehnt an ein weisses Auto, das in einer dunklen Strasse steht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der namenlose Stuntfahrer (Ryan Gosling) im Film «Drive» – und bald auch in der Fortsetzung? FilmDistrict

«Er sass dort, während der Motor im Leerlauf schnurrte», schreibt James Sallis in «Driven», in der deutschen Übersetzung «Driver 2». «Ein Kolibri fiel aus dem Himmel und verharrte schwirrend vor dem offenen Autofenster, perfekt eingerahmt, bevor er wieder fortschoss. Auch er war niemand, der lange an irgendwelchen Orten oder in der Vergangenheit verweilte. Immer lag eine neue offene Strasse vor ihm. Und in Phoenix war noch viel zu tun.»

Er ist untergetaucht. Hat eine neue Identität. Jetzt lebt der Stuntfahrer aus «Drive» in der Wüste, in Phoenix, Arizona. Los Angeles, die Sache mit der Reisetasche, das Geld, die Mafia, lang ist das her, vorbei, Vergangenheit. Oder doch nicht?

Ein Getriebener im Niemandsland

Der Autor James Sallis vor Bäumen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Ich überarbeite jeden Satz in einem Buch 30 oder 40 Mal, insbesondere den Dialog», sagt Autor James Sallis. Getty Images

Driver ist 32, sieben Jahre sind seit der Fluchtfahrt in Los Angeles vergangen. Immer zu zweit sind sie jetzt wieder hinter ihm her. Am Anfang stirbt seine Verlobte, danach ist der Fahrer auf der Flucht, ständig auf der Flucht. Unterschlupf und eine Waffe findet er bei einem Freund, der die «Operation Wüstensturm» mitgemacht hat.

Driver mietet eine Autowerkstatt, sein Wagen ist nun ein Ford Fairlane. Ein Getriebener, unterwegs durch das Niemandsland der Vorstädte, Shopping Malls und wechselnde Quartiere zweifelhaften Niveaus. «Sie können mich nicht sehen, es ist vorbei.» Das ist der grosse Irrtum, der die Story vorantreibt.

Ein bisschen Vorgeschichte gibt es auch: Die Mutter hatte den tobsüchtigen Vater erstochen, als Driver elf war. Bevor er Stuntfahrer wurde, lebte er bei einem fürsorglichen Ehepaar in Pflege. Es gibt einen alten Cop und eine schöne Tochter und eine tote Tochter. Aber eigentlich ist das unwichtig. Nur ein wenig Biografie in einer Geschichte, die gerade an Biografie nicht interessiert ist.

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Buchhinweis

James Sallis: «Driver 2». Liebeskind Verlag, Berlin.

Keine schlüssige Auflösung

Alles geht schnell in diesem Roman, das Fahren und das Töten und die Dialoge dazwischen. Die Aufenthalte sind kurz, jede Begegnung trügerisch. Nie weiss man sofort, mit wem man es eigentlich zu tun hat. Dialoge, Handlungen, alles kann sich so oder so entwickeln.

Nach 150 Seiten ist es dann einfach aus, ohne bündige Auflösung, Open End. Flüchtig ist alles, was passiert, und es passiert einfach so. «Wir grübeln, wägen ab und diskutieren», heisst es einmal, «während irgendwo in der Dunkelheit hinter den Worten still unsere Entscheidungen fallen.»

Sallis, der perfektionistische Schnellschreiber

Das ist ein grosser Satz in einem schmalen Buch. James Sallis kann solche Sätze schreiben – und sie stimmen ganz einfach. Sie stimmen für sich und sie stimmen für die Geschichte, wie er sie erzählt. «Das Buch beginnt mit der Stimme», sagt Sallis. «Man hört den Driver sprechen, sieht die Welt mit seinen Augen, obwohl ich es nicht in der ersten Person geschrieben habe. Die Hauptfigur spricht in meinem Kopf, während ich ihr durch die Handlung folge.»

Tatsächlich hat man diese Stimme im Kopf, wenn man das Buch liest. Man folgt ihr durch die Sprünge und Unübersichtlichkeiten der Geschichte, lässt sich treiben im rhythmischen Fluss der Sprache, an dem alles liegt. Wirklich alles. «Ich überarbeite jeden Satz in einem Buch 30 oder 40 Mal, insbesondere den Dialog», sagt Sallis.

James Sallis lebt selbst in Phoenix. «Driver 2» hat er in nur zwei Monaten geschrieben. Grossartig.