Ein neues Leben für den hundertjährigen Sound aus dem Frutigtal

Maria Lauber schrieb Gedichte, Romane und Sagen in Frutigtaler Mundart. Ihre Sprache wird heute kaum noch gesprochen. Nun hat der Musiker Christoph Trummer ihre Werke vertont. Und der Fotograf Reto Camenisch hat die Welt von Laubers Gedichten mit melancholischen Bildern eingefangen.

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Zur Person

Zur Person

zytglogge

Maria Lauber (1891-1973) schrieb Gedichte, Erzählungen, Romane und Sagen in Mundart und in Hochdeutsch. Daneben arbeitete sie als Primarlehrerin an verschiedenen Schulen im Berner Oberland und unternahm ausgiebige Wanderungen in der Schweiz und mehrere Reisen in Europa, häufig mit dem Fahrrad.

Das Lesebuch «Ischt net mys Tal emitts» versammelt Schriften von Maria Lauber.

Das Buch hat einen Leseteil sowie eine CD, in der Musiker ihre Gedichte in Lieder verwandeln und mit den Fotos, die die Welt und Stimmung der grossen Mundart-Dichterin einfangen.

Es ist ein umfangreiches, vielstimmiges Werk geworden: Texte, Fotos und Musik ergeben hier eine seltene Einheit. Wir haben drei der am Buchprojekt Beteiligten gesprochen – den Mann, der sich um die Texte für das Buch kümmerte, den Fotografen und den Musiker, der die Gedichte der Mundartdichterin vertonte.

Christoph Trummer – Singer-Songwriter, Frutigen

«Ich wurde von zwei verschiedenen Personen in der gleichen Woche auf Maria Lauber angesprochen, ob man nicht deren Gedichte mal vertonen sollte.

Von Maria Lauber kannte ich bis dahin nur ein paar wenige Gedichte, von den Prosatexten wusste ich nichts, weil die alle längst vergriffen waren.

Ich hab mich mit einem Gedicht und der Gitarre hingesetzt und probiert, ‹Nug es mal› zu singen – und siehe da, das ging ohne Probleme. Dann hab ich mich in ihr Werk vertieft und bin einer Sprache begegnet, die es so heute nicht mehr gibt. Der Frutiger Dialekt klingt zwar noch ähnlich, aber das Vokabular hat sich verändert.

Manchmal hab ich mir ihre Texte laut vorgelesen, um sie zu verstehen. Nimmt man aber diese sprachliche Hürde, so merkt man, dass das grosse Literatur ist. Das ist mehr als nur putzig, ich finde ihre Texte sehr berührend und sie wecken bei mir natürlich auch Heimatgefühle, das Bedürfnis, meine eigenen Wurzeln näher zu erkunden.»

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Buchhinweis

Maria Lauber/Kulturgutstiftung Frutigland (Hg.): «Ischt net mys Tal emitts», Buchausgabe mit Fotografien und CD mit Lesungen und Liedern. Zytglogge Verlag, 2016.

Reto Camenisch – Fotograf, Bern

«Christoph Trummer hat mich auf Maria Lauber aufmerksam gemacht. Vorher kannte ich ihre Arbeit nicht.

Anfangs habe ich wenig verstanden, aber das macht letztlich auch nichts: Sprache ist ja nicht nur Inhalt, sondern auch Sound, sie funktioniert nicht nur über den Verstand.

Ich habe mich von einzelnen Wörtern begleiten lassen, etwa wenn Maria Lauber in ‹Nug es mal› vom Grund spricht. Den Grund habe ich abgeschritten, der Kander entlang, etwa acht oder neun Mal bin ich in Frutigen auf Wanderschaft gegangen, mit meiner Kamera.

Ich sollte also die Welt der Maria Lauber einfangen. Mir war von Anfang an klar, dass ich keine bildliche Übersetzung der Gedichte, eine Reportage oder etwas Dokumentarisches abliefern wollte.

Schwarz/Weiss ist eh meine Bildsprache, das verleiht den Bildern etwas Melancholisches, etwas Tiefgründiges. Maria Lauber wollte den Dingen auf den Grund gehen, und da ist es naheliegend, dass ihre Gedichte etwas schwermütig sind.»

Erich Blatter – Germanist und Dozent für Dialektologie, Frutigen

«Die Sprache von Maria Lauber ist speziell, so wurde Ende des 19., anfangs des 20. Jahrhunderts in Frutigen gesprochen, heute aber nur noch vereinzelt.

Trotz dieser Kluft hat ihr Werk, glaube ich, grosse Relevanz. Sie war eine Poetin mit einem sehr feinen Gehör und einer ausserordentlichen Sensibilität.

Sie wollte den Menschen direkt in die Seele schauen. Eine tragische Person aber auch, sie litt an Depressionen, war manchmal schwermütig, weil ihr schien, ihre Sprache verschwinde und damit ihre Heimat. Sie sah den Wandel der Sprache als Bedrohung und wollte dagegen anschreiben, was eigentlich nicht geht.

Aber, sie hat mit ihren Texten bewiesen, dass die Mundart eine glaubhafte Literatursprache ist. Sie hat über ihre enge Heimat geschrieben, aber keine Heimatliteratur. Maria Lauber hat nicht über das ‹Bluemete Trögli› geschrieben, sondern sie blickte ins ewig Menschliche, ins Zeitlose.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Vorabend Musikthema, 6.9.2016, 16 Uhr.