«Ich schlafe schlecht. Meistens gar nicht ... Möchte schlafen und habe Angst davor. Wegen der Träume. Ich leide unter meinen Träumen.»
Dies sagt Curtis Melnitz, deutsch-jüdischer Filmproduzent und psychisches Wrack – die Hauptfigur in Charles Lewinskys neustem Roman.
Der echte Melnitz
Melnitz ist real. Er wurde 1879 in Leipzig als Sohn jüdischer Eltern geboren und machte Karriere im sich damals entwickelnden Filmbusiness. In den 1930ern flüchtete er vor den Nazis in die USA.
Genaueres ist über Melnitz nicht bekannt. Für Charles Lewinsky die Einladung, seine Biografie literarisch auszugestalten. Das Resultat überzeugt allerdings nur teilweise.
Und dies, obwohl es vielversprechend beginnt, in Los Angeles im Jahr 1959. Curtis Melnitz ist achtzig und süchtig nach Schlaftabletten. Die bekommt er nur, wenn er sich bei einem Psychiater auf die Couch legt.
Monologe auf der Couch
Jedes Romankapitel ist einer Sitzung beim Seelendoktor gewidmet. Melnitz erzählt ihm sein Leben – wild assoziierend und durchsetzt mit Versatzstücken aus der Geschichte des Films. Es schält sich heraus, dass hinter der Schlaflosigkeit mehrere Traumata stecken. Allen voran der Naziterror.
Melnitz erzählt, er habe nach dem Krieg in Deutschland nach Verwandten gesucht, doch alle seien «durch den Kamin gegangen. Ein fürchterlicher Naziausdruck, aber andererseits ... Da ist auch eine gewisse Poesie. Mit dem Rauch dem Himmel entgegen».
Unterhaltsamer Zynismus
Äusserungen wie diese sind typisch für Lewinskys Melnitz: Er ist zerfressen von Zynismus, der jedoch oft nicht eines gewissen Unterhaltungswerts entbehrt.
Etwa dann, wenn Melnitz behauptet, es sei gut, dass man nicht im Voraus wisse, was einen im Leben erwarte: «Sonst würden sich alle Babys an ihren Windeln aufhängen. Nicht aus Verzweiflung. Aus Angst vor der Langeweile.»
Ein Lebensprojekt
Charles Lewinsky, mittlerweile selbst knapp achtzig, schreibt im Vorwort, er habe sich schon lange mit dem Gedanken an diesen Roman getragen. Dies aufgrund einer biografischen Verbindung.
Der reale Melnitz sei nach seiner Emigration in die USA 1938 nochmals kurz nach Leipzig zurückgekehrt, um dort jüdische Verwandte zur Flucht zu bewegen – neben anderen: Charles Lewinskys Grossmutter. Aus ihren Erzählungen, so der Autor, wisse er um diese Episode. Sie sei der Anlass für dieses literarische Lebensbild, in dem der fiktive Melnitz in schnoddrig-grobschlächtigem Ton Verstörendes berichtet.
Dass seine Mutter starb, als er fünf war und sich darauf der Vater auf dem Estrich erhängte. Dass er dann früh völlig auf sich selbst gestellt war und sich durchschlagen musste.
Dass er dann das Stummfilm-Business entdeckte und sich zum Film-Produzenten mauserte. Und Charlie Chaplin begegnete.
Marionettenhafte Figur
All dies wäre interessant zu lesen. Wäre – denn dieser Roman-Melnitz lässt sich durch seine von Sarkasmus triefende Rede nie wirklich fassen. Wie genau diese ätzende Verbitterung von seiner Seele Besitz ergriff, arbeitet das Buch zu wenig heraus: Curtis Menitz bleibt bis zum Schluss rätselhaft und ein Fremder.
Ermüdet fragt man sich irgendwann: Warum soll ich dem Leben dieses Typen über 400 Buchseiten folgen? Kurzum: Mit «Eine andere Geschichte» ist Charles Lewinsky ein zwar leidlicher, aber nicht sein bester Roman gelungen.