«There is no reality, only dreams.» Mit diesem Motto von Filmregisseur Christopher Nolan eröffnet Tom Kummer seinen Roman «Freiwürfe mit einem Diktator». Damit legt er gleich sein literarisches Programm offen. Kummer verwischt Traum und Wirklichkeit so radikal, dass eine neue, eine «Fake»-Realität entsteht.
Dieses Verfahren führte vor einem Vierteljahrhundert zu einem Skandal. Damals flog auf, dass Kummer Interviews mit Hollywoodstars frei erfunden hatte. Diese Lust am Grenzgang zwischen Fakt und Fiktion treibt nun auch seinen neuen Roman an.
Diktatorensohn mit Decknamen
«Freiwürfe mit einem Diktator» erzählt die erfundene Geschichte von Frank, einem Sportlehrer aus Bern, der in den 1990er‑Jahren den jungen Kim Jong-un als Basketballcoach betreut haben soll. Der spätere nordkoreanische Führer besuchte damals unter dem Decknamen Pak‑un eine öffentliche Schule in Bern.
So jedenfalls berichten es Medien seit Jahren, auch wenn es von offizieller Seite nie bestätigt wurde. Kummer zeichnet Pak-un als 13-jährigen, pummeligen Teenager mit grossen Basketballträumen, zu dem sein Protagonist Frank eine Art Vater-Sohn-Beziehung entwickelt.
Ein Hauch von James Bond
30 Jahre später reisst ein Postbote den inzwischen gealterten, vom Leben erschöpften Frank aus dem Schlaf. Die Sendung enthält eine offizielle Einladung aus Nordkorea und ein vergilbtes Polaroidfoto, das «Fränä» und Kim gemeinsam zeigt. Alte Erinnerungen steigen auf. Frank überlegt sich ernsthaft eine Reise nach Nordkorea. Aber gleichzeitig liegt seine Mutter Lilly im Sterben.
Gerade die Szenen im Pflegeheim gehören zu den stärksten Passagen dieses Romans. Während Frank seiner Mutter abenteuerliche Geschichten aus einem imaginären Nordkorea erzählt, einem Land, das wie aus einem James-Bond-Film oder einem George-Orwell-Roman anmutet, wird deutlich: Kummers Kernfrage ist nicht politisch, sondern moralisch. Welche Verantwortung trägt ein Mensch in der Begegnung mit anderen?
Kino im Kopf
«Freiwürfe mit einem Diktator» spielt lustvoll mit dieser Unschärfe. War Frank nur ein Basketballtrainer? Oder war er ein winziges Puzzlestück in der Biografie eines Diktators? Und was könnte Frank bewegen, wenn er nach Nordkorea reiste? Wäre ein Tyrannenmord eine Möglichkeit, auf das aktuelle Zeitgeschehen einzuwirken?
Tom Kummer interessiert nicht die Antwort, sondern die Fantasie, die sich daraus speist. Realität, Erinnerung und Wunschdenken schieben sich übereinander. Es spielt keine Rolle mehr, ob Franks Reise nach Nordkorea tatsächlich stattfindet oder nur in seinem Kopf.
Die Schweiz als Grauzone
Sprachlich bleibt Kummer mehr Reporter als Stilvirtuose. Seine Prosa ist roh und ungeschönt, fast trotzig im Umgang mit dem Hässlichen. Kummer scheut keine ruppigen Sätze, keine grotesken Szenen.
Nicht jede Pointe sitzt, manches ist überzeichnet. Doch aus der Mischung von Polit-Satire, Sterbebett‑Drama und Erinnerungsfieber entsteht eine eigentümliche Energie, die den Roman trägt, auch wenn es sich dabei um keinen literarischen Wurf handelt.
«Freiwürfe mit einem Diktator» ist ein eigensinniger, fast schon anarchistischer Roman, der Regeln bricht und Erwartungen unterläuft. Einer, der die Schweiz als moralische Grauzone zeigt, in der sogar Tyrannen einmal Basketball spielen durften. Und der daran erinnert, dass zwischen Traum und Wirklichkeit manchmal nur ein Freiwurf liegt.