Hörspiel-Schwerpunkt: der junge Kafka

Am 3. Juli jährt sich Franz Kafkas Geburtstag zum 130. Mal. Bekannt für seine Werke wie «Die Verwandlung» oder «Das Schloss», hat sich der Autor bereits in jungen Jahren mit Macht und Leiden befasst. Diesen frühen, weniger bekannten Texten widmet die SRF Hörspiel-Redaktion nun einen Schwerpunkt.

Porträt von Franz Kafka mit Anzug und Krawatte. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bis Ende des 20. Jahrhunderts wurde Kafka als Ikone des tragischen Dichters zelebriert. Aufnahme von ca. 1906. Wikimedia

Die Rezeption Franz Kafkas im 20. Jahrhundert wurde von Max Brod dominiert. Der Kafkafreund hatte dem letzten Willen des 1924 verstorbenen Dichters nicht entsprochen, den Nachlass zu verbrennen. So hat er uns den grössten Teil des Werkes erhalten. Max Brod gab auch die ersten Kafka-Ausgaben heraus, griff dabei teilweise massiv in den Text ein und prägte die Leseerfahrung einiger Generationen.

Korrigiert wurde diese Erfahrung erst durch die kritische Ausgabe, deren erste Bände ab 1982 im S. Fischer Verlag herauskamen und Texte streng nach der Originalhandschrift edierten. Und seit 1995 gibt der Verlag Stroemfeld eine Faksimile-Ausgabe heraus und macht so die handschriftlichen Originale allgemein zugänglich.

Berichte aus Kafkas Mund

Die Person Kafka wurde bis zu den neueren Biografien (von Peter-André Alt und Reiner Stach) als Ikone des tragischen Dichters zelebriert. Dabei wurde oft ausgeblendet oder in den Hintergrund gerückt, was nicht ins Konzept einer Dichterverehrung passte.

Zusatzinhalt überspringen

Sendungen zum Artikel

Lesung:

«Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande»
Teil 1 am 18. Juni, 15 Uhr
Teil 2 am 25. Juni, 15 Uhr

Hörspiele:

«Beschreibung eines Kampfes» (Ursendung)
Teil 1 am 3. Juli, 20 Uhr
Teil 2 am 6. Juli, 21 Uhr

«Der Verschollene»
Teil 1 am 10. Juli, 20 Uhr
Teil 2 am 13. Juli, 21 Uhr

Dem tschechischem Autor Gustav Janouch allerdings verdanken wir schon früh viele mündliche Aussagen und Berichte aus Kafkas Mund. Janouchs Vater, ein Arbeitskollege Kafkas, hatte eine Zusammenkunft erwirkt, bei der der Gymnasiast Gustav seine ersten Schreibversuche zur Begutachtung vorlegen durfte. Daraus entstand eine Freundschaft.

Janouch liess sich in seinem erstmals 1951 erschienenen Buch «Gespräche mit Kafka» von seiner grossen Zuneigung zu Kafkas im Umgang sehr sanftem und einnehmendem Wesen leiten. Kafkas Werke wollte er nie lesen, um durch deren Wirkung die Erinnerung an die Person nicht beeinflussen zu lassen. Aber die freundschaftliche Anhänglichkeit führte zu genauen Protokollen der Zusammenkünfte. Darunter findet sich eine ausführliche Erörterung des Anarchismus, den Kafka nach eigener Aussage mit Interesse studiert und in einem tschechischen Anarchistenzirkel erlebt hat.

Kafkas kultivierte Schwächlichkeit

Der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt hat seiner Kafkabiographie von 2005 den Untertitel «Der ewige Sohn» beigegeben. Darin machte er darauf aufmerksam, dass der berühmte Vater-Sohn-Konflikt durch Franz länger aufrechterhalten wurde als es nötig wäre: Durch seinen Brotberuf als Versicherungsjurist verdiente Kafka genug, um eine eigene Wohnsituation zu finanzieren. Er blieb aber noch etliche Zeit bei seinen Eltern wohnen und krallte sich so an der für ihn qualvollen Situation fest.

Zusatzinhalt überspringen

Kafka-Biografien

Reiner Stach: «Kafka. Die Jahre der Entscheidung.» S. Fischer, 2002.

Reiner Stach: «Kafka. Die Jahre der Erkenntnis.» S. Fischer, 2008.

Peter-André Alt: «Franz Kafka: Der ewige Sohn.» C.H. Beck, 2005.

Gerhard Neumann: «Franz Kafka: Experte der Macht.» Hanser/Edition Akzente, 2012.

Tatsächlich gehörte die vom Vater gerügte Schwächlichkeit und Lebensuntüchtigkeit zu Eigenschaften, die Kafka selber durchaus kultivierte. In seinen Briefen betont er seine Schattenseiten. Die Selbstanklagen werden zum Topos. Sie bilden einen wesentlichen Bestandteil der Selbstinszenierung. Die Kritik an der eigenen Person, die Skepsis und der grosse Pessimismus hatten zwar krankhafte Züge – aber sie waren auch die Warte, die Kafka tatsächlich eine gestochen scharfe Sicht auf die Mechanismen von Anpassung, Macht und Gewalt in der Gesellschaft ermöglichte.

Heldennorm für Normhelden

Denn Machtsysteme preisen Stärke, propagieren Gesundheit und verordnen Optimismus, und zwar einen Optimismus, der die herrschenden Umstände bestätigt. Und sie installieren immer ein Feindbild, das sie als Retter und Beschützer legitimiert.

Kafka erlebte die letzten Zeit des Imperialismus: Das junge deutsche Kaiserreich, neben Italien der andere Newcomer unter den Weltmächten, arbeitete sich zum Wirtschaftsgiganten empor. Die Nationalismen schaukelten sich in ihrem Kampf um den kolonialen Besitz der Welt gegenseitig hoch. Die Kraftmeierei und der auf siegreiche Zukunft gerichtete Blick bildete die Grundhaltung nicht nur der Regierenden sondern auch der Regierten. Jeder hatte Held zu sein. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 war lediglich eine logische Folge daraus.

Bezeichnend ist Kafkas Tagebucheintrag von 2. August 1914: «Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittags Schwimmunterricht.» Der Krieg war nur ein anderer Aggregatzustand des sogenannten Friedens in Gesellschaften, die bereits ihren Kindern durch Erziehungsdrill und durch die Vorbilder eine Pose aufdrängte: nämlich die der Stärke kombiniert mit der Bereitschaft bedingungsloser Unterordnung. Eine eigenständige Sicht und ungenormte Gefühle waren nicht zulässig, und das Überleben im eigenen Milieu nur durch Selbstverleugnung möglich.

Legenden der Lieblosigkeit

Zusatzinhalt überspringen

«kafkaesk»

Im Allgemeinen versteht man unter «kafkaesk» etwas Absurdes, Unheimliches, Unerklärbares. Reiner Stach: «meistens geht es um irgendwelche Machtbeziehungen: Wenn diejenigen, die das Zentrum der Macht besetzen, im Dunkeln bleiben.» Kafka lesen sollte nicht dazu führen, das Unerklärte zum Unerklärbaren zu machen, sondern dazu, das Dunkle aufzuklären.

Kafkas frühe Texte beschreiben dieses Dasein jenseits der Empathie: Sie sind Legenden der Lieblosigkeit. Die darin auftretenden Figuren müssen sich in ihrer Überlebensstrategie verleugnen. Sie müssen sich gegen ihr eigenes Selbst mit den destruktiven, als Moral getarnten Konventionen verbünden. Das erzeugt Angst und Selbsthass.

In «Beschreibung eines Kampfes» (entstanden zwischen 1904 und 1907) rettet der erste von drei Erzählern einen Bekannten aus einer peinlichen Situation. Er bewahrt ihn vor Scham, erntet dafür aber keinen Dank. Da hinterfragt er sich selbst. Auf der Strasse neben ihm gehend, nimmt er plötzlich eine gebückte Haltung an, weil ihm einfällt, seine Körperhöhe könne den kleineren Bekannten stören. Später kippt diese masochistische Rücksichtnahme ins Gegenteil, und der Erzähler missbraucht den Bekannten als Reittier.

Den eigenen Augen nicht mehr trauen

Dabei phantasiert der Erzähler über einen Ausflug «in einer Gesellschaft von lauter niemand machen…Versteht sich, dass alle im Frack sind» wie sich das gesellschaftlich gehört! Ein anderer Erzähler, der durch übermässige fromme Gebärden auf sich aufmerksam macht, kann seinen Augen nicht mehr trauen. Denn sie vermitteln ihm alles so, wie er es durch Erziehung eingetrichtert bekommen hat. Aus eigenem Empfinden heraus kann er sie nicht wahrnehmen. Die anerzogenen Sichtweisen und Konzepte stehen zwischen ihm und er Welt, zwischen ihm und seinem eigenen Leben. Und er gesteht: «Immer habe ich eine so quälende Lust, die Dinge so zu sehen, wie sie sich geben mögen, ehe sie sich mir zeigen.»

Vorform der Erzählung «Die Verwandlung»

Hingegen ist im Fragment «Hochzeitvorbereitungen auf dem Lande» (entstanden zwischen 1906 und 1908) ein Protagonist auf der Reise zu seiner Verlobten auf dem Land mit dem Gedanken beschäftigt, sich selber in Gesellschaft nicht zeigen zu wollen. Denn «durch alle Arbeit erlangt man noch keinen Anspruch darauf, von allen mit Liebe behandelt zu werden, vielmehr ist man allen gänzlich fremd.» Und er fügt die Überlegung hinzu: «…solange Du ‹man› sagst an Stelle von ‹ich› ist es nichts…»

Sobald aber der Gedanke in die erste Person gesetzt wird (also: durch alle Arbeit erlange ich doch keinen Anspruch), «wirst Du förmlich durchbohrt und bist entsetzt.» Und etwas später hängt der unglückliche Bräutigam der Vorstellung nach, nur seinen Körper zur Braut zu schicken und – von diesem abgespalten – zuhause im Bett zu bleiben, in Form eines grossen Käfers, der ja durch den harten Chitinpanzer von der Umwelt geschützt ist. «Die Verwandlung», eine der berühmtesten Erzählungen Kafkas, hat hier ihre Vorform.

Gehorsam sein oder nicht sein

Das erste grosse Romanfragment «Der Verschollene» (entstanden zwischen 1912 und 1914) zeigt einen von der Familie nach Amerika verbannten, der von einem Machtgefüge ins andere gerät. (Die darin beschriebene Arbeitswelt mit Grossraumbüros und streng geordneten Kommunikationswegen lässt auffallend an die Newsrooms heutiger Tage denken!). Aber auch die Gegenwelt, die Hackordnung unter Landstreicher ist nicht besser. Auch hier gilt die Übereinstimmung von Sein und Gehorsam-Sein: Die Hauptfigur, Karl Rossmann, muss dem entsprechen, was man von ihm erwartet. Weicht er davon ab, wird er bedroht oder verbannt.

Liest man Kafkas frühe Texte unter dem Aspekt von Arno Gruens Psychologie, so entdeckt man in ihnen eine Morphologie der Verzweiflung. Der in Zürich wirkende Analytiker und Buchautor («Dem Leben entfremdet», 2013) führt Verzweiflung, Aggression und Selbsthass mit Nachdruck zurück auf die destruktive Sphäre von Macht, Gewalt und Unterordnung und betont die Wichtigkeit des Ungehorsams zugunsten von Empathie und Kreativität. Der junge Kafka hat das Leiden an der durch Macht zerstörten Fähigkeit zu Empathie in seinen ersten Texten am Anfang des 20. Jahrhunderts schon beschrieben.

Hörspiel «Beschreibung eines Kampfes»

Vier Schauspieler äussern sich zu ihren Lieblingsstellen oder Lieblingssätzen, die sie in ihren Rollen im Hörspiel «Beschreibung eines Kampfes» sprechen.

Sendungen zu diesem Artikel