John Williams' «Augustus» ist wenig kaiserlich

Nach «Stoner» und «Butcher's Crossing» liegt mit «Augustus» nun auch der letzte Roman des 1994 verstorbenen Amerikaners John Williams in deutscher Übersetzung vor. Das literarische Porträt des ersten römischen Kaisers dürfte die Leser jedoch nur bedingt begeistern.

John Williams arbeitet in seinem Büro an der Universtiy of Denver. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: John Williams veröffentlichte zwei Gedichtbände und vier Romane. Denver University Archives

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Buchhinweis

John Williams: «Augustus», dtv 2016 (als Hörbuch im «Hörverlag» erschienen).

John Williams ist ein Meister des Genrewechsels: Im Western von 1960 «Butcher’s Crossing» schildert der Autor das Schicksal eines tragischen Helden, der sich auf der Suche nach Abenteuern den Unwägbarkeiten des Wilden Westens aussetzt.

Völlig anders «Stoner» von 1965: Dieses Buch ist eine subtile Beschreibung des von Mühsal geprägten Lebens eines fiktiven Universitätsprofessors in den USA. Und einen erneuten Genrewechsel vollzieht John Williams mit seinem letzten Roman «Augustus», der 1972 erstmals erschien und nun auf Deutsch erhältlich ist.

Herrscherporträt und Zeitgemälde

Der Roman «Augustus» spielt in der Antike und schildert das Leben jenes Mannes, der ursprünglich Octavius hiess und dann in seiner Funktion als erster römischer Kaiser ab 27 v. Chr. den Beinamen Augustus trug. Der Roman ist jedoch weit mehr als ein Porträt des legendären Herrschers, er ist auch ein monumentales Zeitgemälde.

John Williams zeichnet in seinem Roman das Bild jener äusserst bewegten Epoche, die von Machtspielen und Intrigen geprägt war. Und auch von martialischem Schlachtgetöse.

Die plastischen Schilderungen berühmter Schlachten wie etwa derjenigen von Philippi (42 v. Chr.) oder von Actium (31 v. Chr.) gehören mitunter zu den eindrucksvollsten Stellen im Roman.

Fakten vertauscht

Ganz offensichtlich bemüht sich John Williams um Faktentreue. Allerdings – und das gibt er im Vorwort freimütig zu – vertauscht und erfindet er auch vieles. Vor allem dort, wo die historischen Quellen versiegen.

Sperriger Briefroman

«Augustus» ist ein Roman, kein Sachbuch. John Williams wählt die Form des Briefromans, um die Fiktion zu entwickeln. Wir lesen etwa einen Brief von Augustus' Mutter. Danach meldet sich in einem Schreiben ein Jugendfreund des Kaisers zu Wort. Dann wieder lesen wir ein paar Zeilen des Cäsar-Mörders Brutus. Darauf folgt das Protokoll einer Sitzung des römischen Senats.

Wir Leserinnen und Leser arbeiten uns Seite um Seite durch das – fiktive – Quellenmaterial durch und tasten uns dabei vorsichtig an Augustus und seine Zeit heran. Dieses Verfahren hat viel für sich, verhindert es doch eine zu enge Identifikation mit einzelnen Protagonisten und damit das Abgleiten in den historischen Kitsch und die platte Heroisierung.

Nicht genug Mensch

Dem steht jedoch gegenüber, dass auf diese Weise kein wirklicher Erzählfluss und damit eine länger anhaltende Sogwirkung entstehen kann. Im Gegenteil: Die Lektüre erweist sich verschiedentlich als recht sperrig.

Wer sie jedoch auf sich nimmt, erkennt in der Augustus-Figur mehr und mehr einen ebenso skrupellosen wie feinfühligen Menschen, einen Mann, der zum einen seine Feinde bis aufs Blut bekämpft, zum anderen aber im Alter auch von Trauer zerrissen wird.

Er erkennt, wie sehr er sich an der Spitze der Macht von seinen Freunden, von Frau und Tochter entfremdet hat – und als Mensch nicht zu genügen vermochte.

Kaiserlicher Trost

«Augustus» ist der einzige der drei übersetzten Romane, mit dem John Williams bereits beim Erscheinen einige Anerkennung erfuhr: Er erhielt dafür 1973 den renommierten amerikanischen «National Book Award». Die Auszeichnung war für den Erfolg jedoch wenig mehr als ein Strohfeuer.

So gilt es nach «Stoner» und «Butcher’s Crossing» auch «Augustus» erst Jahrzehnte später zu entdecken. Und dabei zu erfahren, dass der zu seiner Zeit verkannte Schriftsteller in diesem Roman das Grundthema seiner beiden anderen Romane einmal mehr gekonnt variierte: die Unzulänglichkeit und existenzielle Unerfülltheit des Menschen. Vor ihr ist man offenbar selbst als römischer Kaiser nicht gefeit. Das ist irgendwie auch tröstlich.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 22.9.2016, 16:50 Uhr.

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