Zum Inhalt springen

Header

Audio
Wattpad: Wo Jugendliche Literatur entdecken
Aus Kultur-Aktualität vom 17.06.2020.
abspielen. Laufzeit 04:27 Minuten.
Inhalt

Jugend-Leseportal Wattpad «Hermann Hesse wird von Teenies oft kommentiert»

Auf der Plattform Wattpad, Link öffnet in einem neuen Fenster tummeln sich Lesebegeisterte unter 20 Jahren. Sie lesen und kommentieren Bücher, viele fangen auch selbst zu schreiben an.

Bedeutet das Lesen im Netz endgültig das Ende des Lesens auf Papier? Im Gegenteil, sagt Literaturprofessor und Digitalexperte Gerhard Lauer.

Gerhard Lauer

Gerhard Lauer

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Gerhard Lauer ist Literaturwissenschaftler und Professor für Digital Humanities («digitale Geisteswissenschaften») an der Universität Basel.

SRF: Lesen Jugendliche überhaupt noch Bücher auf Papier?

Die Jugend liest und las in den letzten zehn Jahren eigentlich unverändert viel. Sie liest nur in verschiedenen Formaten, so selbstverständlich im Internet wie in gedruckten Büchern. Da ist kein grosser Unterschied mehr.

Ungefähr 40 Prozent der Jugendlichen lesen Bücher in unterschiedlichen Formaten. Die anderen lesen weniger – und es gibt eine kleine Gruppe, die liest gar nicht. Die gibt es allerdings auch schon länger.

Eine populäre Lese-Plattform für Jugendliche ist Wattpad. Wie unterscheidet sich das Lesen dort vom herkömmlichen Lesen?

Wattpad ist eine soziale Plattform. Die Jugendlichen melden sich an, meistens unter Fantasienamen, und beginnen dort Bücher zu lesen. Vor allem Teen Fiction, also Fantasy, Romance und solche Gattungen. Dieses Lesen schliesst ein, dass sie, teilweise Satz für Satz, kommentieren und sich mit anderen über diese Bücher unterhalten.

Viele fangen dann auch an, selber zu schreiben. Wir reden da von über 80 Millionen Menschen weltweit.

Wattpad: in diversen Sprachen

Die Plattform und App wurde 2006 in Toronto gegründet. Unterdessen gibt es dort in 50 verschiedenen Sprachen über 565 Millionen Geschichten zu lesen – ein kleiner Teil stammt z.B. vom Project Gutenberg. Wattpad ist kostenlos, man muss sich aber registrieren.

Beschränkt sich das auf Teenager-Genres oder führt Wattpad die Jugendlichen auch hin zur klassischen, etablierten Literatur?

Es ist mit Sicherheit Jugendkultur. Aber verblüffenderweise kommt man von der Teen Fiction auch zu den Klassikern. Diese Klassiker sind dann etwa Jane Austen oder die Brontë-Schwestern. Oder für die deutschsprachige Literatur Hermann Hesse, der dort sehr populär ist und auch viel kommentiert wird.

Es ist eine sehr gute Rampe, weil es selber gemacht ist.

Wenn Jugendliche zum Beispiel Anna Todds «After Series» (eine Jugend-Romance-Reihe, Anm.d.R.) lesen, merken sie irgendwann: Das spielt ganz stark auf Jane Austens «Stolz und Vorurteil» an. Die Figuren, die Konstellation, sind nur von daher zu verstehen. Das wird in der Kommentierung auch so aufgegriffen.

Auf diesem Weg kommen die Jugendlichen praktisch von der Teen Fiction zu dem, was wir uns unter eher gebildeter Literatur vorstellen.

Also ist Wattpad eine gute Rampe?

Das ist eine sehr gute Rampe, weil es selber gemacht ist. Nicht mit dem
erhobenen Zeigefinger in die Literatur einführt, sondern Jugendliche erfahren lässt, was eigentlich einen besseren Text von einem schlechteren unterscheidet und warum es sich lohnt, sich genauer Gedanken zu machen. Dieses selbst Agieren ist das Entscheidende für jugendliches Lesen.

Video
Aus dem Archiv: Der Siegeszug der elektronischen Bücher
Aus Kulturplatz vom 02.07.2014.
abspielen

Wattpad ist eine Online-Plattform. Lesen die Nutzerinnen und Nutzer also auch ausschliesslich online?

Das Verblüffende ist: Diejenigen, die auf Wattpad sind, sind sehr gute Kunden für die Verlage. Denn die kaufen sehr gerne gedruckte Bücher, im Schnitt etwa ein bis zwei Bücher pro Woche.

Wir haben hier das gleiche Muster, das wir auch von den Benutzern von Tolino oder von Kindle kennen. Die Leserinnen und Leser, die diese Endgeräte haben, kaufen gleichzeitig auch gedruckte Bücher. Der Gegensatz zwischen digital und auf Papier Lesen besteht für die gar nicht mehr.

Das Gespräch führte Philippe Erath.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 17.6.2020, 17:10 Uhr;

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

Es wurden noch keine Kommentare erfasst. Schreiben Sie den ersten Kommentar.