Vor zwei Jahren starb der berühmte US-amerikanische Schriftsteller Paul Auster. Die nicht minder berühmte Autorin Siri Hustvedt hatte über vier Jahrzehnte lang mit ihm zusammengelebt. Hustvedt und Auster galten als das intellektuelle Glamour-Paar New Yorks. In ihrem Memoir «Ghost Stories» setzt Siri Hustvedt ihrem Ehemann nun ein Denkmal. Ein Gespräch über ihr Buch und ihre Trauer.
SRF: Was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an Ihren Mann denken?
Siri Hustvedt: Das, was ich zu ihm gesagt habe, als er im Sterben lag. Man hatte ihm Morphium verabreicht. Er war also nicht ganz bei Bewusstsein, aber die Palliativ-Pflegerin meinte: «Er kann Sie hören. Reden Sie mit ihm!» Und was mir dann in den Sinn kam, war: «Mein Gott! Was hatten wir für einen Spass miteinander!» Ich vermisse die Witze, die in all den Jahren zwischen uns hin- und hergeflogen sind. Jeder Tag mit ihm war ein Abenteuer.
Für mich war «Ghost Stories» eines der traurigsten Bücher, das ich je gelesen habe. In jedem Satz spürt man, wie wichtig Ihnen dieser Mann war. Ich musste mehrmals weinen beim Lesen. Haben Sie geweint beim Schreiben?
Ja. Aber ich habe auch viel gelacht. Das Schreiben dieses Buchs war also keineswegs eine düstere Erfahrung. Für mich war es ein Versuch, etwas von diesem Menschen aufs Papier zu bringen. Nicht die öffentliche Figur, nicht den Schriftsteller Paul Auster. Sondern ich wollte von unserer Beziehung schreiben, von seinem Charakter. Schreibend konnte ich ihn ein bisschen wiederbeleben.
Sie schreiben, Sie haben noch nie so starke Trauer empfunden wie die um Ihren Mann.
Ja, nicht einmal, als meine Mutter starb. Das war zwar schmerzhaft, aber ich hatte schon lange nicht mehr mit ihr zusammengelebt. Sie war nicht mehr Teil meines Alltags. Bei Paul war das nun ganz anders. Sein Fehlen war ein überwältigendes körperliches Erlebnis.
Der Verlust des Liebeslebens ist für die Hinterbliebenen dramatisch.
Über Jahrzehnte hatte sich mein Körper an seine Anwesenheit gewöhnt. Und als er plötzlich weg war, war die Umstellung radikal. Die gewohnten, alltäglichen Sinneseindrücke zu verlieren, das ist tiefgreifend.
Sie werden im Buch sehr persönlich, mitunter auch intim. Wie oft haben sie gezögert, etwas zu schreiben, weil Sie dachten: Das sollte vielleicht nicht an die Öffentlichkeit?
Dieses Erinnerungsbuch basiert auf der Intimität, die zwischen uns bestanden hat. Ich habe ziemlich viel Trauerliteratur gelesen, und dabei ist mir aufgefallen, dass der Verlust von Berührungen, der Verlust des Liebeslebens kaum thematisiert wird. Dabei ist dieser Verlust für die Hinterbliebenen dramatisch. Ich beschreibe ja keine detaillierte Schlafzimmer-Gymnastik. Aber trotzdem wollte ich deutlich machen, dass Erotik in unserem gemeinsamen Leben eine grosse Rolle gespielt hat.
Aber Sie hatten schon immer im Hinterkopf: «Das werden einmal Tausende von Menschen lesen», oder?
(lachend) Nun ja, es ist ja nicht mein erstes Buch. Ich weiss um die Öffentlichkeit hinterher. Aber während man schreibt, ist das egal. Man schreibt und sitzt allein in seinem Zimmer. Was hinterher darüber vielleicht gesagt wird, muss man ausblenden – sonst ist der Text ruiniert.
«Ghost Stories» heisst so, weil Ihr Mann, als er im Sterben lag, gesagt hat, er möchte ein Geist werden. Meinen Sie, er ist ein Geist geworden?
In meinem Leben auf jeden Fall. Aber das Problem mit Geistern ist: Sie sind unzuverlässig. Ihre Präsenz ist schwach. Manchmal steigt mir noch der Geruch seiner Zigarillos in die Nase. Aber das hat stark nachgelassen, leider. Unmittelbar nach seinem Tod hatte ich das viel öfter.
Das Gespräch führte Katja Schönherr.