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«Ich bin Autorin von Beruf»: Was heisst das eigentlich?
Aus Kontext vom 28.01.2022.
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Poesie und Prekariat Brotlos glücklich? Was es heisst, vom Schreiben zu leben

Professionelle Autorinnen und Autoren leben in der Schwebe zwischen absoluter Freiheit und Prekariat. Wie hält man das aus? Peter Stamm, Urs Mannhart und Erika Do Nascimento erzählen.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die vom Schreiben leben, haben es nicht einfach. Sie üben einen Beruf aus, der von vielen gar nicht als solcher wahrgenommen wird. Zudem haben sie weder ein gesichertes Einkommen noch eine Altersvorsorge. Zu allem Überfluss kämpfen viele mit geringen Absatzzahlen. Wegen der Corona-Pandemie kommen noch abgesagte Lesungen dazu.

Wie schafft man es trotzdem, sich finanziell über Wasser zu halten? Drei Literaturschaffende, die in ihrer Karriere an unterschiedlichen Punkten stehen, haben darauf ihre eigenen Antworten gefunden.

Erika Do Nascimento – Die Einsteigerin

Junge Frau sitzt im Bett und schaut auf ihren Laptop
Legende: An ihrem Romanprojekt kann Erika Do Nascimento nur während der Freizeit arbeiten. SRF / Gina Folly

Fragt man Erika Do Nascimento, was sie beruflich mache, erzählt sie als Erstes von ihrem Teilzeitpraktikum im Team der Solothurner Literaturtage. Zudem arbeitet sie einen Tag pro Woche als Aufsicht im Museum.

«Dass ich meinen ersten Roman schreibe, erwähne ich, wenn überhaupt, erst ganz am Schluss.» Schliesslich könne sie vom Schreiben noch nicht leben. Stattdessen geht für die Arbeit am Buch ihre Freizeit drauf.

Erika Do Nascimentos Weg zum Schreiben war keine gerade Linie. Die Autorin wurde in Brasilien geboren und wuchs zwischen 6 und 14 Jahren in der Schweiz auf. Daraufhin lebte sie einige Jahre in einer Favela von Rio de Janeiro. Mit 18 kehrte sie in die Schweiz zurück und jobbte als Kellnerin, Verkäuferin oder Barista.

«Eine gewisse Panik»

«Ich habe zwar schon immer geschrieben», sagt die 29-Jährige. Die Idee, das zu professionalisieren, sei jedoch erst relativ spät gekommen. Ein Freund erzählte ihr vom Schweizer Literaturinstitut in Biel. Das dortige Studium empfand sie als grosse Bereicherung: «Ich habe ein Stipendium erhalten, wir bekamen Mentorate und konnten uns austauschen.»

Video
Schreiben lernen – das Erfolgsgeheimnis des Literaturinstituts
Aus Kulturplatz vom 12.04.2017.
abspielen. Laufzeit 2 Minuten 49 Sekunden.

Erst während ihres letzten Studienjahrs dämmerte ihr, wie schwierig es wohl sein würde, im Literaturbetrieb auf eigenen Füssen zu stehen:  «Plötzlich wurde mir bewusst, dass es auf ein Ende zugeht. Das löste eine gewisse Panik aus.»

Letztes Jahr schloss Do Nascimento ihr Studium ab. Seither verbringt sie einen wesentlichen Teil ihrer freien Zeit damit, Stiftungen um Unterstützung für ihr Romanprojekt anzufragen. Das sei jedoch schwierig, wenn man noch nichts publiziert habe. Hoffnung gebe es am ehesten bei städtischen oder kantonalen Kulturförderstellen.

Lesungen sind besonders wichtig

«In einer idealen Welt würde ich Romane publizieren und von den Lesungen leben können», so die Autorin. Gerade die Veranstaltungen sind finanziell besonders wichtig. Für die meisten Literaturschaffenden machen sie den Löwenanteil des Einkommens aus.

Ein normaler, fairer Vertrag mit einem Verlag sieht nämlich nur 10 Prozent des Preises für die Autorin vor, also zwischen zwei und maximal vier Franken pro verkauftes Buch. Wer nicht tausende Bücher verkauft, kann davon nicht leben.

Die Leute lesen gern. Aber die Arbeit dahinter wird nicht wertgeschätzt.
Autor: Erika Do Nascimento Autorin

«Die Ungewissheit darüber, ob es klappen wird oder nicht, gehört dazu», räumt Do Nascimento ein. Dennoch hadere sie manchmal damit, dass Aussenstehende das professionelle Schreiben häufig nur als Hobby betrachten. Das verstehe sie nicht, sagte sie: «Die Leute lesen gern. Aber die Arbeit dahinter wird nicht wertgeschätzt.»

Auch der Literaturbetrieb rund um Verlage, Medien und Förderstellen macht ihr zu schaffen. Die Branche verändere sich zwar. Dennoch bestehe sie noch immer zu grossen Teilen aus einer weissen, männlichen Mittelschicht. «Da stellt sich immer wieder die Frage: Wie kann jemand wie ich darin überhaupt Fuss fassen?»

Junge Frau sitzt mit Kaffeetasse auf Balkon
Legende: Die junge Autorin ist manchmal skeptisch, ob sie im Literaturbetrieb Fuss fassen kann. SRF / Gina Folly

Zwar sei mit dem Schreiben an sich sehr zufrieden, so Do Nascimiento. Doch die Sorge, ob das Geld reiche, würde sie immer wieder einholen. Dadurch gehe dann immer wieder Zeit vom Schreiben ab.

Diesen Teufelskreis könne man nur mit Glück, Durchhaltevermögen und Routine überwinden. «Man sollte das Schreiben so ernst nehmen wie jeden anderen Job auch», erklärt die Schriftstellerin. «Also einen Zeitplan machen, um 8 Uhr loslegen statt erst um 9 – und sich auch selbst wirklich ernst nehmen dabei.»

Urs Mannhart – Der Chrampfer

Bauer krault einer Kuh den Hals
Legende: Seine Arbeit als Landwirt ist für Urs Mannhart genauso erfüllend wie das Schreiben. SRF / Gina Folly

Urs Mannhart bezeichnet seinen Beruf je nach Situation unterschiedlich. «Manchmal sage ich einfach, ich sei Landwirt. Wenn ich mehr Lust zum Reden habe, sage ich Landwirt und Schriftsteller. Und wenn ich ganz viel Lust zum Reden habe, sage ich nur Schriftsteller.»

Dabei ist Mannhart nicht etwa nur deshalb landwirtschaftlicher Angestellter, um eine finanzielle Grundlage für seine eigentliche Existenz als Schriftsteller zu sichern. Von einem «Brotjob» könne keine Rede sein. Vielmehr wolle er ein erfülltes Leben führen. «Dafür bin ich darauf angewiesen, dass ich neben dem Schreiben noch andere Themen im Leben habe.»

Typ Hemingway

Er sei ein Bewegungsmensch, sagt Mannhart: «Wenn man zwei Kategorien von Autoren machen müsste, mit Kafka auf der einen Seite, immer im Schreibzimmer, kränklich, hat das Körperliche abgelehnt – und mit Hemingway auf der anderen Seite, der am nächsten Bahnhof ein Velo klaut und eine irre Tour macht damit: Ich wäre eher der zweite Typ».

Mannhart strebt nach einem Gleichgewicht zwischen Körper und Geist. Er wolle eine Balance von allen Sinnen, die zum Menschsein gehören, erklärt er. «Ich fühle mich verarmt, wenn diese Sinne aufs Intellektuelle reduziert werden.»

Mann schreibt draussen an einem Holztisch
Legende: Weil er nicht alleine vom Schreiben lebt, kann Urs Mannhart nach eigener Angabe schreiben, was er will. SRF / Gina Folly

Dieses Gleichgewicht sei auch für sein literarisches Schaffen wichtig, sagt der Autor: «Weil ich immer wusste, dass ich daneben noch andere Dinge in meinem Leben hatte, musste ich meine Literatur nie verbiegen.»

17 Franken pro Stunde

Für diese Unabhängigkeit nimmt Mannhart einiges in Kauf. Als landwirtschaftlicher Angestellter verdient er nach eigenen Angaben 17 Franken pro Stunde. Sein Jahresbudget betrage rund 32'000 Franken. Dabei rechnet er mit Einnahmen, die 10'000 Franken darunter liegen.

Das funktioniere nur, weil er in der Vergangenheit für seine Bücher mehrmals Preise und Förderungen erhalten habe. «So kann ich dieses Minus abfedern», sagt er und erläutert sofort: «Ich habe meine beruflichen Tätigkeiten nie aus finanziellen Motiven ausgeübt».

Den offenen Blick aufs Leben wollen längst nicht alle.
Autor: Urs Mannhart Schriftsteller und Landwirt

Reichtum und Erfolg beschränken sich für Urs Mannhart nicht aufs Finanzielle. «Schauen Sie sich Hermann Burger an. Der fuhr Ferrari, hatte alles im Leben. Aber er war todunglücklich und nahm sich das Leben.»

Den grössten Erfolg sieht Mannhart darin, innere Zufriedenheit zu erreichen. Dass er damit eher quer zu gängigen Positionen steht, ist ihm bewusst: «Den offenen Blick aufs Leben wollen längst nicht alle.»

Mann in Rückansicht schiebt Schubkarre durch Winterlandschaft
Legende: Urs Mannhart ist persönliche Erfüllung wichtiger als das Finanzielle. SRF / Gina Folly

Die Fixierung der Gesellschaft auf das Finanzielle irritiert ihn. «Das ist für mich ähnlich wie schlechter Radioempfang. Ein Knistern im Hintergrund, aber vorne geht es um etwas ganz anderes». Er fühle sich wohl in seiner Arbeit, sagt er – und das sei ein Luxus.

Peter Stamm – Der Arrivierte

Mittelalter Mann im Sakko hält Blumenstrauss
Legende: Für seine Werke erhielt Peter Stamm zahlreiche Auszeichnungen – 2018 etwa den Schweizer Buchpreis. Keystone / Peter Schneider

Der Wahlwinterthurer Peter Stamm kann in der Schweiz und im ganzen deutschsprachigen Raum seit Jahren auf ein treues Lesepublikum zählen. Sein letzter Roman «Das Archiv der Gefühle» stieg hierzulande direkt auf Platz 1 in die Bestsellerliste ein und hielt sich dort mehr als einen Monat lang unter den Top 3.

Stamm ist einer von wenigen Schweizer Autoren und Autorinnen, die ausschliesslich von ihrer literarischen Arbeit leben können. Das garantieren ihm seine relativ konstant hohen Absatzzahlen und das grosse öffentliche Interesse an seinen Büchern.

Einkommen eines Gymnasiallehrers

«In einem guten Jahr», sagt er, «verdiene ich mit meinen Büchern und den Veranstaltungen, die dazugehören, ungefähr so viel wie eine Lehrperson an einer Kantonsschule. Aber das ist trotzdem mit einer extremen Unsicherheit verbunden».

Selbst für einen Erfolgsautor wie Stamm ist nicht jedes Jahr ein gutes Jahr. Auch über 20 Jahre nach seinem Durchbruch mit dem Roman «Agnes» hat er kein gesichertes Einkommen.

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Aus dem Archiv: Peter Stamm kurz nach seinem Durchbruch
Aus Schon vergessen vom 18.01.1999.
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 6 Sekunden.

Am Anfang seiner Karriere sei ihm nicht bewusst gewesen, wie schwierig es sein würde, vom Schreiben zu leben, gibt er zu. «Ich habe vor allem die erfolgreichen Autoren gesehen und mir gedacht: Das will ich auch.»

Für mich kommt das Glück aus meiner Arbeit, nicht meinem Lebensstandard.
Autor: Peter Stamm Schriftsteller

Die Realität sah dann lange Zeit anders aus. Stamm lebte am Existenzminimum in einem Mansardenzimmer, hielt sich mit Gelegenheitsjobs und als Flugzeugbelader für die Swissair über Wasser. In dieser Zeit habe er gelernt, genügsam zu sein: «Für mich kommt das Glück im Leben aus meiner Arbeit, nicht aus meinem Lebensstandard», sagt er.

Dass sein Beruf als Schriftsteller diverse Opfer von ihm fordert, ist für ihn indes eine Selbstverständlichkeit. Sein ganzes Leben stehe im Dienst dieses Berufs. Er habe auch keine echten Hobbys, weil das Schreiben so viel Raum einnehme. «Ich vermisse das aber auch nicht».

Die Kombination aus finanzieller Unsicherheit und dem Verzicht auf Freizeit zugunsten der Arbeit verspricht nicht gerade rosige Karriereaussichten. «Ich kann das niemandem guten Gewissens empfehlen. Und doch ist es für mich der tollste Beruf», so der Schriftsteller über das Schreiben.

Mann in Hemd mit aufgerollten Ärmeln lehnt mit verschränkten Armen an der Wand
Legende: Ohne Draufgängertum und harte Arbeit hätte er es als Autor nicht so weit gebracht, ist Peter Stamm überzeugt. IMAGO / Sven Simon

Damit ein Dasein als Autorin oder Autor funktionieren könne, benötige es einiges, erklärt er. «Man braucht ein gewisses Grundvertrauen, dass es schon irgendwie gutgeht. Zaudern blockiert einen. Dann grosse Ernsthaftigkeit und harte Arbeit und eine gute Prise Draufgängertum.»

Es sei von Vorteil, wenn man sich beim Schreiben nicht zu viele Gedanken darüber mache, ob man auch gelesen werde. Etwas zu schreiben, nur weil man sicher sei, dass es auf dem Markt gut ankomme, sei zwar verlockend, räumt Stamm ein. Dennoch würde er das nie tun.

Video
Peter Stamm: Lebe ich oder werde ich gelebt?
Aus Sternstunde Philosophie vom 18.03.2018.
abspielen. Laufzeit 59 Minuten 31 Sekunden.

Als etablierter, absatzstarker Autor spürt Peter Stamm weit weniger Abhängigkeiten vom Literaturbetrieb als früher. Er sei in seiner Arbeit absolut frei. 

«Mein nächstes Buch ist gerade beim Lektor, und jetzt habe ich zum Beispiel keine Ahnung, was ich nächste Woche machen werde.» Diese Freiheit, einfach das zu tun, was er am liebsten mache, schätze er enorm.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 28.01.2021, 09:03 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von SRF Kultur (SRF)
    Guten Abend liebe Community. Wir schliessen die Kommentarspalte an dieser Stelle und freuen uns, wenn Sie das nächste Mal wieder dabei sind. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Sonntagabend. Herzlich, SRF Kultur
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Als Ökonom unterscheide ich bei staatlichen Leistungen immer zwischen Grundbedarf und Wunschbedarf. Kultur ist grösstenteils Wunschbedarf. Es stört mich, wenn die vielen Nutzer:nnen von kommerziell erfolgreicher Kultur für elitäre Kultur, die sie nie oder sehr selten nutzen, via Steuern mitzahlen müssen.
  • Kommentar von Hanspeter Zaugg  (rägetag)
    2/2 Wahre Longseller sind auch meist Gute Literartur mWie immer gilt allen Kranken und alleingelassenen Kraft und Mut zb mit Hemmingways "Der alte Mann und dass Meer"