Vor 20 Jahren machte der italienische Investigativ-Journalist und Mafia-Kritiker Roberto Saviano weltweit Furore. Sein Buch «Gomorrha» deckte die Machenschaften der neapolitanischen Mafia auf und zeigte die internationalen Verflechtungen: Drogenhandel, Abfallentsorgung, Zement und Modeindustrie. Das Buch wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt und über 10 Millionen Mal verkauft.
Der Autor steht seit Erscheinen des Bestsellers wegen Morddrohungen unter Polizeischutz. Seither sind weitere Sachbücher und Romane von Roberto Saviano erschienen – und immer wieder spielt die Mafia eine grosse Rolle in seinen Werken. Der neue Roman erzählt eine erschütternde und wahre Liebesgeschichte.
Shakespeare'sche Wucht trifft True Crime
Es ist die Geschichte von Rossella Casini, einer 20‑jährigen Studentin aus Florenz. In den späten 1970er‑Jahren verliebt sie sich in Francesco, ebenfalls Student, der aus Kalabrien stammt. Erst mit der Zeit begreift sie, was Francesco ihr zunächst verschweigt: Er ist Sohn einer ’Ndrangheta‑Familie und dazu bestimmt, das kriminelle Erbe seines Vaters fortzuführen.
Drogenhandel, Blutrache, Waffen, all das gehört in seiner Familie zum Alltag. Und dennoch bleibt Rossella. Aus Liebe – und in der Hoffnung, Francesco aus dieser Welt herauslösen zu können. Doch es gelingt ihr nicht. Sie will darüber sprechen, mit den Kriminellen und mit der Staatsanwaltschaft. Dieses Nicht‑Schweigen wird ihr zum Verhängnis, sie verschwindet spurlos.
Realität trifft Fiktion
Saviano erzählt die Geschichte dieser jungen Frau, die in Italien als Symbol des Widerstands gegen die Mafia steht und die ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. Er hat ihre Geschichte rekonstruiert und dafür recherchiert: in Ermittlungsakten, Abhörprotokollen und Gesprächen mit Zeitzeugen, insbesondere mit dem Cousin von Rossella.
Und wo die Fakten fehlen oder wo es allgemeiner wird, ergänzt Roberto Saviano mit Fiktion. Das Dokumentarische ist dicht, nah an den Personen – und erinnert an True-Crime-Podcasts, ergänzt mit Fiktion.
Brutalität trifft Kitsch
Die Geschichte ist so stark und erschütternd, dass man das Gefühl hat, man «müsse» den ganzen Roman gut zu finden. Doch Die Idee, Dokumentarisches und Literarisches zu verbinden, überzeugt noch zu Beginn. Die brutalen True‑Crime‑Passagen sind stärker als die literarischen.
Wo Dokumente fehlen, ergänzt der Autor mit inneren Monologen oder ausführlichen Landschaftsbildern: der Blick auf die kalabrischen Berge, das Rauschen des azurblauen Meeres bei Palmi, Rossellas Gedanken vor einer Reise. Genau hier verliert der Roman an Kraft. Die fiktionalen Einschübe kippen oft ins Pathetische, die Dialoge wirken wie Regieanweisungen für einen Film.
Trotzdem ist dieser Roman wichtig: Er setzt Rossella Casini ein Denkmal und rückt ein fast vergessenes Opfer der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, wieder ins italienische Bewusstsein. Aber ein guter Stoff allein ist noch keine Kunst. Die erschütternde True‑Crime‑Geschichte reicht nicht aus, um grosse Literatur zu schreiben. Am Ende bleibt ein Werk, das sich liest wie die Studie zu einer Serie. Packend als Fall, unbefriedigend als Literatur.