Persönliche Abgründe und grosse gesellschaftliche Fragen prägen die SRF-Bestenliste im Juni. An der Spitze steht Lukas Bärfuss mit «Königin der Nacht», flankiert von internationaler und Schweizer Gegenwartsliteratur. Auffällig: Den vierten Platz teilen sich zwei Titel punktgleich.
4. Hannah Häffner: «Die Riesinnen» (18 Punkte)
Lise, Cora und Eva leben im Schwarzwalddorf Wittenmoos. Sie gelten als Aussenseiterinnen – zu gross, zu rothaarig, zu anders. Jede sucht ihren eigenen Weg zwischen Herkunft und Freiheit und ringt mit der Frage, was Heimat bedeutet. Mit grosser Bildkraft spannt Hannah Häffner den Bogen von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart.
Der Roman erzählt in kraftvoller, poetischer Sprache vom Durchhalten, von Verletzlichkeit und der Sehnsucht nach dem Platz im Leben, der sich richtig anfühlt.
4. Angelika Overath: «Calanda oder Alvas Antwort» (18 Punkte)
Wie lebenswert ist das Leben nach einer niederschmetternden Diagnose? Um Antworten auf diese Frage zu finden, steigt Alva hoch auf das Calanda-Massiv. Während sie Höhenmeter gewinnt, erinnert sie sich an Liebe, Familie und Momente des Glücks. «Calanda oder Alvas Antwort» ist ein feiner und lebensbejahender Roman über die Bedeutung kleiner Dinge.
‹Calanda oder Alvas Antwort› ist eine so präzise wie einfühlsame, bewegende Erzählung darüber, was Liebe ertragen und bewirken kann.
3. Robert Menasse: «Die Lebensentscheidung» (22 Punkte)
Der desillusionierte EU-Beamte Franz Fiala lässt sich frühpensionieren. Dass er todkrank ist, will er seiner ebenfalls kranken Mutter unbedingt verheimlichen. Verdichtet, tragisch und ironisch zugleich entwickelt Menasse aus einer spitzzüngigen EU-Analyse eine berührende Familiengeschichte rund um die Frage, wie viel Wahrheit diese Beziehung erträgt.
Robert Menasse gelingt es, ein existenzielles Thema verknappt, leichtfüssig und mit spürbarem Humor zu verhandeln.
2. Safae el Khannoussi: «Oroppa» (28 Punkte)
«Oroppa» beginnt wie ein Kriminalroman: Die Marokkanerin Salomé Abergel verschwindet spurlos aus Amsterdam. Menschen aus ihrem Umfeld rätseln über ihr Verschwinden. Safae el Khannoussi interessiert jedoch nicht die Aufklärung. Ihr Roman eröffnet einen anderen Blick auf Europa.
Safae el Khannoussi findet in ‹Oroppa› für unsere Gegenwart die richtige Sprache. Wichtig, relevant, höchst lesenswert!
1. Lukas Bärfuss: «Königin der Nacht» (50 Punkte)
In «Königin der Nacht» setzt sich Lukas Bärfuss mit seiner verstorbenen Mutter auseinander. Sie war bettelarm, vulgär, zynisch und lehnte ihren Sohn ab. Das Buch ist eine intensive Lektüre, weil es an Urmenschliches rührt und politischen Gesprächsstoff bietet: Bärfuss thematisiert den oft fragwürdigen Umgang der Schweiz mit mittellosen Menschen in der Vergangenheit.
Mit diesem Buch ist Lukas Bärfuss ein herausragendes Werk gelungen. Er lässt das Politische und das Private in seiner unverwechselbaren Sprache ineinanderfliessen.