Vielfalt und literarische Eigenständigkeit prägen die SRF-Bestenliste im Mai. Bemerkenswert: Erstmals umfasst die Liste sechs Titel. Davon teilen sich gleich drei punktgleich den vierten Rang!
4. Gianna Olinda Cadonau: «Am Kantenhain» (14 Punkte)
Gianna Olinda Cadonaus Erzählband ist eine Sammlung bezaubernder Geschichten aus den letzten fünf Jahren. Die junge Autorin erzählt vom Fremden, vom Anderssein, von Zugehörigkeit – und überzeugt durch eine atmosphärische Dichte, die man so nur von den Grossen des Kurzgeschichtenfachs kennt. Höchst erstaunlich!
Cadonaus Geschichten über Menschen am Rande gehen unter die Haut, lassen aber auch Raum für leise Neuanfänge.
4. Safae el Khannoussi: «Oroppa» (14 Punkte)
«Oroppa» beginnt wie ein Kriminalroman: Die Marokkanerin Salomé Abergel verschwindet spurlos aus Amsterdam. Menschen aus ihrem Umfeld rätseln über ihr Verschwinden. Safae el Khannoussi interessiert jedoch nicht die Aufklärung des Falls. Ihr Roman eröffnet einen anderen Blick auf Europa.
Safae el Khannoussi findet in «Oroppa» für unsere Gegenwart die richtige Sprache. Wichtig, relevant, höchst lesenswert!
4. Markus Orths: «Die Enthusiasten» (14 Punkte)
«Die Enthusiasten» von Markus Orths ist ein Erzählfeuerwerk. Angelehnt an Laurence Sternes «Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman» dreht sich der Roman um die Frage, was passiert, wenn die KI bessere Bücher hervorbringt als die menschliche Fantasie. Eine furchtbare Vorstellung, die sich in diesem grossartigen Roman zum Glück nicht bewahrheitet.
Markus Orths’ Roman ist ein erzählerischer Höllenritt – voller Überraschungen, Abschweifungen, Sprachspielerei und doppeltem Boden.
3. Robert Menasse: «Die Lebensentscheidung» (16 Punkte)
Der desillusionierte EU-Beamte Franz Fiala lässt sich frühpensionieren. Dass er todkrank ist, will er seiner ebenfalls kranken Mutter unbedingt verheimlichen. Verdichtet, tragisch und ironisch zugleich entwickelt Menasse aus einer spitzzüngigen EU-Analyse eine berührende Familiengeschichte rund um die Frage, wie viel Wahrheit diese Beziehung erträgt.
Robert Menasse gelingt es, ein existenzielles Thema verknappt, leichtfüssig und mit spürbarem Humor zu verhandeln.
2. Siri Hustvedt: «Ghost Stories» (19 Punkte)
Im April 2024 starb der berühmte US-Schriftsteller Paul Auster. Die nicht minder berühmte Autorin Siri Hustvedt hatte über 40 Jahre lang mit ihm zusammengelebt. Hustvedt und Auster galten als das intellektuelle Glamour-Paar New Yorks. In «Ghost Stories» setzt Hustvedt ihrem Ehemann nun ein Denkmal. Tiefgründig, berührend, intim.
Eines der traurigsten Bücher, die ich je gelesen habe.
1. Julia Weber: «Weil ich Ruth bin» (41 Punkte)
Julia Webers Protagonistin Ruth kann Menschen durch Küsse in Tiere verwandeln. Dank ihrer besonderen Kräfte kann sie der Welt und ihren Ungerechtigkeiten anders begegnen. Doch auch Ruth ist mit zutiefst menschlichen Krisen konfrontiert, die sich trotz ihrer übermenschlichen Fähigkeiten nicht alle aus der Welt schaffen lassen.
Julia Weber erschafft einen Kosmos, der trunken macht und mich staunen lässt. Da hat sich eine Autorin in einen mitreissenden Sprachstrom geschrieben.