Die Ich-Erzählerin Ruth kommt als Baby mit einem dichten Fell zur Welt – und das verliert sie erst, als sie eine Frau wird. Zusätzlich zum Fell, das besonders weich ist und ihr Schutz vor der Welt bietet, hat Ruth übermenschliche Fähigkeiten. Schon im Kindergarten kann sie einen Bösewicht wegkatapultieren, ohne ihn überhaupt anzufassen. Ihre wichtigste Superkraft: Indem Ruth Menschen berührt und küsst, kann sie sie auf Zeit in Tiere verwandeln.
Dem Alltag entfliehen
Die erste, die Ruth verwandelt, ist ihre beste Schulfreundin: die asketisch-strenge Lu. Sie wünscht sich, ein Regenwurm zu sein – das Gegenteil von allem Versteiften. Später verwandelt Ruth einen «müden Mann von der Bushaltestelle» in ein Rotkehlchen, das davonfliegen und die Schwere der Welt hinter sich lassen kann.
Bald schon stehen die Menschen Schlange an Ruths Tür, um sich bei ihr auszuziehen und sich verwandeln zu lassen. Alle wollen sie als Tiere dem Alltag entfliehen – sei es, weil sie mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, mit Missbrauch in Beziehungen, mit allgemeiner Überforderung oder Erschöpfung. Vielen Menschen im Buch geht es gar nicht gut.
Ich bewundere Ruth für ihre Kraft. Ich habe sie als Vorbild für etwas geschrieben, das ich selbst gern mehr leben würde.
Julia Weber erzählt in ihrem Roman von einer magischen Protagonistin, vielleicht sogar von einer modernen, feministischen Hexe. Dank ihrer Kräfte kann Ruth der Welt entschlossen gegenübertreten, und sie setzt sich ein gegen patriarchal geprägte Gewalt.
Sie hat den Menschen viel zu bieten: Freiheit, neue Gefühle der Lebendigkeit und Sinnlichkeit. «Für diese Kraft bewundere ich Ruth. Ich habe sie als Vorbild für etwas geschrieben, das ich auch selbst gern mehr leben würde», sagt Autorin Julia Weber über ihre Hauptfigur.
Aber auch wenn die Gesellschaftsdiagnose ihres Romans ziemlich düster ist: Zur Heilsbringerin verklärt Julia Weber ihre Protagonistin nicht. Im Gegenteil präsentiert sie Ruth als sehr ambivalente Hauptfigur, denn Wut, Eitelkeit und Hilflosigkeit spielen in Ruths Handeln eine zentrale Rolle.
Präzis komponierte Sätze
Sie tendiert sogar impulsiv zu Selbstjustiz, wenn sie gravierende Ungerechtigkeiten wittert: Da werden dann Leute vom Blitz getroffen – oder auch endgültig in Tiere verwandelt, wie der toxische Liebhaber von Lu, aus dem Ruth kurzerhand ein «Professorenmäuschen» macht: «‹Maus›, sagt Lu. Sie schaut auf zu mir. ‹Bleibt so?› – ‹Ja, bleibt so›, sage ich.»
Ich erlebe die Welt eher durch Anfassen und Riechen als durchs Nachdenken über sie.
Die Radikalität solcher Dialoge im Buch ist überraschend witzig. Julia Webers Sätze sind präzise komponiert und enthalten auffällig viele Beschreibungen von sinnlicher Wahrnehmung.
«Ich bin ein Mensch, der die Welt eher durch Anfassen und Riechen erlebt als durchs Nachdenken über sie», sagt die Autorin. Das ist im Roman unübersehbar: «Ich erinnere mich an meine Mutter, wie sie weich in ihrer Erschöpfung liegt», sagt Ruth an einer Stelle etwa. Und ein Lehrer in ihrer Schule «riecht nach alten Äpfeln in der Manteltasche».
Neue Perspektive auf die Welt
Dass sich der Roman auf knapp 500 Seiten in der Mitte etwas zieht, wiegt er wieder auf: mit Julia Webers besonderer Sprache, die eine Art Sogwirkung erzeugt, und auch mit seiner magischen Anlage. Die ambivalente Geschichte von Ruth mit ihren Fähigkeiten bietet eine Möglichkeit, aus anderer Perspektive über unseren Umgang mit den Zwängen der Welt nachzudenken.