Tappen wir noch immer in die Brechtfalle?

Grosser Dichter, verheerende Wirkung – so sieht der Dichter und ehemalige DDR-Bürger Uwe Kolbe Bertolt Brecht. In seinem Essay «Brecht – Rollenmodell eines Dichters» beschreibt er die Wirkung des grossen Dramatikers auf seine Nachgeborenen: schonungslos und ehrlich.

Bertolt Brecht in einer s/w-Fotografie, an ein Piano gelehnt, in Lederjacke, Zigarre im Mund. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kurzhaarfrisur, Zigarre, Lederjacken, Machotum – Bertold Brecht inszenierte sein Image sorgfältig. Getty Images

Letztlich geht es um Privilegien. Bei Brecht war es das eigene Theater, bei seinen Nachfolgern die Reisefreiheit. Und es geht um Legitimation. Die ungeliebten Mächtigen der DDR brauchen jemanden, der ihnen die fehlende Legitimation erteilt. Es sollten die Intellektuellen werden, die das übernehmen. Der erste, wichtigste und beste von ihnen ist Brecht.

Ein Mann mit sanftem Lächeln, den Mund geschlossen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Uwe Kolbe, geboren 1957 in Ost-Berlin, ist ein deutscher Lyriker, Prosaautor und Übersetzer. Imago/gezett

Ein Mann mit Masken

Der Dichter Uwe Kolbe untersucht Brecht von den Anfängen her. Nie unterschätzt er dessen Genialität als Dichter. Im Gegenteil: Er setzt ihn in die Nähe Martin Luthers. Etwa dann, wenn er beschreibt, wie prägend Brecht für die deutsche Sprache ist: kein Haifisch ohne Gedanke an Brecht, kein Gespräch über Bäume und kein Haus am See mit rauchendem Schornstein. Aber wie kann einer irren, der dermassen prägend ist? Und wie kann so einer in die Irre führen?

Uwe Kolbe beschreibt Brechts Masken. Etwa die des jungen Dichters in der Augsburger Dachkammer, der sich «die Frauen in den Schaukelstuhl setzt», die des Städtebewohners mit Lederjacke, Zigarre und Kurzhaarfrisur. Und die des kritischen Intellektuellen, der er niemals war.

Zu Brechts Masken, so Uwe Kolbe, gehört auch der Marxist. Ab den späten 1920er-Jahren setzt Brecht seine Kunst in den Dienst «der Sache». Dabei geht es ihm weniger um die Sache an sich, als vielmehr um den Effekt, den diese auf die zu verkaufende Marke Brecht hat. Das Lied «Lob des Kommunismus» etwa aus «Die Mutter» gehört zum Besten, was es an politischer Dichtkunst gibt. Wie in einem Gebet heisst es da: «Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen / Er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm». Wer kann sich dem entziehen?

Fauler Kommunismus

Bertolt Brecht beeinflusst Menschen bis heute. Aber der Kommunismus, den er predigt, ist faul. Brecht schreibt seine Zeilen zur Zeit, als in Moskau die Schauprozesse stattfinden, bei denen die alte Garde seines verehrten Meisters Lenin gerade abgeschlachtet wird. Brecht weiss das. Und schweigt. Voller Furcht durchquert er die Sowjetunion auf dem Weg ins amerikanische Exil. Seine Mitarbeiterin Margarete Steffin lässt er dort zurück. Sie verschwindet im Lager.

Nach dem Krieg landet Brecht in der DDR. Auch dort schweigt er. Sein berühmtes Bonmot zum Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, wonach die Regierung das Volk auflösen und sich ein neues wählen soll, schreibt er für die Schublade. Dennoch glaubt die Welt bis heute an Brechts kritische Haltung. In Wirklichkeit etabliert Brecht jenes Muster, welches das Verhältnis zwischen Intellektuellen und Macht über 40 Jahre prägen wird: vorne rum für den Sozialismus sein, hinten rum Privilegien einstecken – eine Win-win-Situation.

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis

Uwe Kolbe: «Brecht: Rollenmodell eines Dichters», S. Fischer, 2016.

In die Faschismusfalle getappt

Wie rechtfertigen sich Brecht und andere vor sich selbst und vor der Geschichte? Laut Uwe Kolbe gibt es dafür ein Killerargument: der Faschismus. Dieser ist laut kommunistischer Theorie eine Erscheinungsform des Kapitalismus. Die DDR hat den Kapitalismus überwunden, die BRD nicht. Also ist die DDR auf jeden Fall das bessere System. Und jede Kritik an ihr faschistisch und zu unterbinden. Egal wie. So entsteht die Diktatur.

Brecht legitimiert die Diktatur. In seinem Gedicht «An die Nachgeborenen» schreibt er: «Wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein». Dieses «Nicht-freundlich-sein-können» wird in der Praxis eins ums andere Mal unter Beweis gestellt: in Ungarn, in der Tschechoslowakei, in Polen. Die Intellektuellen hocken derweil in der Faschismusfalle und schweigen. Manche hocken immer noch dort. Höchste Zeit, dass das einmal einer ausspricht.

Sendung zu diesem Artikel