Verlage fischen immer mehr Perlen aus dem Netz

In der Buchbranche wird mit harten Bandagen gekämpft: Die Existenz eines Betriebs hängt nicht selten von einem Bestseller ab. Kein Wunder gewinnt das Internet als Schatzgrube immer mehr an Bedeutung: Was im Netz das Publikum begeistert, kann auch im gedruckten Verlagsprogramm zur Perle werden.

Ein Mädchen hat ein IPad in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Was im Netz aufscheint, das hat gute Chancen, auch in gedruckter Form zu brillieren. Getty Images

Die Deutsche Annelie Wendeberg ist Mikrobiologin. Vertraut mit dem amerikanischen Wissenschaftsbetrieb war es für sie immer selbstverständlich, ihre Beiträge so zu verfassen, dass auch Laien sie lesen konnten. Eines Nachts ging sie sogar noch einen Schritt weiter: Sie begann, über ihr Fachgebiet einen Krimi zu schreiben. «Teufelsgrinsen» nannte Annelie Wendeberg ihren Erstling. Sie scheute sich aber, das Manuskript an Verlage zur Prüfung zu schicken und wählte stattdessen den Schritt als sogenannte «Indie»: Sie publizierte den Text in Eigenregie auf einer speziellen Plattformen im Internet.

«The next big writer»

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«Fifty Shades of Grey»

Ein Paradebeispiel für eine Perle, die online begann, ist die Sado-Maso-Trilogie «Fifty Shades of Grey»: Die Autorin E. L. James bewunderte die «Twighlight»-Erfinderin Stephanie Meyers und schrieb im Web eine Geschichte im Stil ihres Vorbildes. Ein australischer Verlag entdeckte ihr Potenzial, nahm sie unter Vertrag und machte Riesengewinne.

Annelie Wendeberg wählte die Plattform «The next big writer», zahlte eine monatliche Gebühr von umgerechnet rund 5 Euro und erhielt dadurch die Chance, ihr Manuskript einer breiten Masse zur Beurteilung vorzustellen. Sie verpflichtete sich gleichzeitig, regelmässig Texte anderer Mitglieder zu lesen und schriftliche Feedbacks zu geben.

Auf diese Weise funktionieren etliche «Indie»-Plattformen, auch in Europa. Annelie Wendebergs Manuskript geriet so in die Beurteilungs-Maschinerie der E-Book-Bestenlisten und fiel auf. Zum Beispiel Lutz Dursthoff, Cheflektor vom Verlag «Kiepenheuer & Witsch». Er war von «Teufelsgrinsen» angetan und holte die Wissenschaftlerin ins eigene Verlagsprogramm.

Verlage erstellen eigene «Indie»-Plattformen

Die Verlage wissen längst, dass sie diese «Indie»-Plattformen und die diversen E-Book-Bestenlisten im Internet im Auge behalten müssen, um allenfalls talentierte «Indies» aufzustöbern und vertraglich an sich zu binden. Einzelne vertrauen dabei auf Literaturagenturen, die als Vermittler zwischen den «Unabhängigen» und den Verlagen fungieren. Gegen gutes Geld.

Einen anderen Weg geht der Droemer-Knaur-Verlag: Seit 2010 betreibt er eine eigene Plattform für «Indies». Auf «neobooks» können Schreibende ihre Texte kostenlos hochladen und den anderen Mitgliedern zur Beurteilung vorlegen. Fällt ein Manuskript wegen grosser Nachfrage auf, wird es vom Verlagslektorat näher angeschaut. So gesehen ergibt sich eine Win-Win-Situation.

Das Internet als Indikator für neue Literatur-Trends

Nicht nur für die Rekrutierung neuer Autorinnen und Autoren kann sich das Internet als Schatzgrube erweisen, sondern auch als Indikator neuer Trends. So bestätigt zum Beispiel Thomas Thebbe, Programmverantwortlicher beim Piper-Verlag, dass er im Netz Genres entdeckt hat, denen man im herkömmlichen Buch-Programm wohl kaum je eine Chance gegeben hätte. Zum Beispiel die erotischen «young adult»-Romane, Science Fiction-Literatur oder spezielle Segmente bei historischen Stoffen.

Das Publikum bestimmt mit seiner Nachfrage, welche Inhalte publiziert werden und setzt damit die herkömmlichen Verlage unter Zugzwang. So gesehen funktioniert das Netz heute auch als Barometer für den Geschmack der Masse.

Hochstehende Literatur findet man wenig

Für die hochstehende Literatur jedoch hat sich das Netz bislang als wenig ergiebig erweisen. Hier finden die Verleger nach wie vor ihr Glück primär im Briefkasten, wo vielleicht wieder einmal unverhofft eine Manuskript-Perle landet. Oder sie begegnen einem vielversprechenden Talent durch Vermittlung eines Agenten oder bei einem Auftritt an einem Literaturwettbewerb. E-Book-Bestenlisten sind in diesem Segment meist schlechte Indikatoren: Sprachlich und inhaltlich anspruchsvolle Bücher begeistern bekanntlich nur bedingt die Masse.

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