Warum Omas und Opas Geschichten Autoren inspirieren

Opa erlebt das Grauen des Ersten Weltkriegs. Oma verliert ihren Liebsten unter Stalin: Viele Autoren beschreiben Erfahrungen der Grosseltern aus Sicht der Enkel-Generation. Für Literaturkritiker Beat Mazenauer sagt dieser Trend weniger über die Ahnen aus als über die Leserschaft heute.

Eine junge Frau und eine ältere Dame schauen ein Buch an. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Geschichte der Grosseltern: Sie fliesst oft in die Literatur ein. Getty Images

Weshalb interessieren sich derzeit auffällig viele Autorinnen und Autoren wie etwa Anne Weber, Per Leo, Friedrich Dönhoff, Katja Petrowskaja oder Stefan Hertmans für die Erlebnisse der Grosseltern?

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Beat Mazenauer

Geb. 1958 in Zofingen, studierte Germanistik, Geschichte und Literaturkritik. Er ist Literaturkritiker und freischaffender Autor und schreibt essayistische Texte und Sachbuchbeiträge. Zudem ist er Leiter des Webportals «Literatur Schweiz». Er lebt in Luzern.

Beat Mazenauer: Da ist einmal die familiäre Konstellation. Die Bande zwischen Grosseltern und Enkel sind heute enger denn je. Die Grosseltern verwöhnen ihre Enkel und bilden so ein Gegengewicht zur Strenge der arbeitenden Eltern. Die Stunden und Tage, in denen Kinder bei den Grosseltern in Obhut weilen, haben ihre Wirkung. Zudem verfügen die Grosseltern über Erfahrungen, die den Enkeln fremd und geheimnisvoll vorkommen müssen. Die Grosseltern hatten vielleicht noch ein Plumpsklo zu Hause, mussten zu Fuss in die Schule, oder sie übten heute unbekannte Berufe aus und pflegten ausgefallene Hobbys. Das macht ihre Erzählungen interessant, auch wo es nur um alltägliche Dinge geht.

Im Zentrum der Erinnerungsbücher steht oft die Zeit des Nationalsozialismus. Dazu gibt es jedoch bereits eine grosse Zahl von literarischen Aufarbeitungen. Weshalb dennoch dieses Interesse?

In unseren Breitengraden, also in West- und Nordeuropa, sind die Kriege glücklicherweise eine mehr oder weniger ferne Realität, die wir nur noch aus den Medien kennen. Die Generation der Grosseltern aber hat den Krieg noch unmittelbar erlebt und kann jene Realität nahe bringen. Dies nicht zuletzt auch, weil womöglich Zeugnisse in Form von Briefen oder Fotografien zum Familienerbe gehören. Mündliche Erzählungen oder historische Dokumente wecken die Neugier für vergangene Zeiten. Diese erhalten durch die familiäre Nähe eine sehr persönliche Note, die indirekt so auch die Enkel mit betrifft und ein Interesse weckt, das weit über die anonymen Mediengeschichten hinausgeht.

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Buchtipps «Schreibende Enkel»

Katja Petrowskja: Vielleicht Esther, Suhrkamp, 2014.

Friedrich Dönhoff: Ein gutes Leben ist die beste Antwort. Die Geschichte des Jerry Rosenstein, Diogenes, 2014.

Stefan Hertmans: Der Himmel meines Grossvaters, Hanser, 2014.

Per Leo: Flut und Boden – Roman einer Familie, Klett-Cotta, 2014.

Anne Weber: Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch, S.Fischer, 2015.

Inwiefern ist der Blick der heutigen Enkelgeneration auf die Nazizeit ein anderer als derjenige der Generation der Söhne und Töchter in der Nachkriegszeit?

So wie die Grosseltern meist milder zu ihren Enkeln sind, so können auch die Enkel den Grosseltern mehr Verständnis entgegenbringen. Das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern ist geprägt durch die alltäglichen Konflikte und gegenseitigen Projektionen, die sich aus der Erziehungsaufgabe ergeben. Kinder fühlen sich immer als direkte «Opfer» ihrer Eltern, ob diese nun in Kriege involviert waren, oder ob sie sich im Gefolge von 1968 selbst befreiten. Deshalb ist die Auseinandersetzung zwischen Kindern und Eltern oft von tiefen Verletzungen gezeichnet. Die Enkel haben hierzu mehr Distanz, erst recht, wenn sie die Grosseltern im Umgang als lieb und nett erlebt haben.

Auffällig ist, dass die «schreibenden Enkel» die Geschichte ihrer Vorfahren oft nicht chronologisch erzählen. Sie tasten sich vielmehr aus der Gegenwart an die Vergangenheit heran, arbeiten mit Rückblenden und reflektieren dabei auch Lücken der Erinnerung gibt. Was macht diese Form so attraktiv?

Die zeitliche Ferne lässt eine solche Annäherung angeraten sein. Es geht nicht mehr um Schuld oder Unschuld, sondern um das Ausloten von existentiellen Erfahrungen. Lücken darf es geben, Gewissheit ist nicht das letzte Ziel. Im Zentrum steht eher der Prozess der Recherche, das schreibende Ich mit eingeschlossen.

Handelt es sich bei der Erinnerungsliteratur aus Enkelsicht um ein vorübergehendes Phänomen oder wird der Trend anhalten?

Vermutlich bleibt uns das Phänomen erhalten, solange sich die familiäre Struktur nicht nachhaltig verändert. Das Phänomen ist im Grunde nicht neu, auch wenn es in letzter Zeit verstärkt aufgetaucht ist. Die zeitlich zurückliegende Erfahrung von Grosseltern ist für die von ihnen verwöhnten Enkel immer faszinierend, weil sie unbekannt und geheimnisvoll ist. Im schnellen Wandel der Zeiten wird sich daran nichts ändern. Grosseltern werden bald schon von Faxgeräten und Bahnbilletts erzählen, die eigens an einem Automat ausgedruckt und bezahlt werden mussten. Die Enkel werden sich davon kaum mehr eine Vorstellung machen können – und werden als Schriftstellerinnen und Schriftsteller fasziniert davon schreiben.

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