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Aus Literaturclub vom 01.02.2022.
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Wei Zhang im Literaturclub «Ungestört zu lesen bedeutet für mich Freiheit»

Die chinesisch-schweizerische Autorin Wei Zhang outet sich im Interview als Dostojewski-Fan, erzählt, welcher Genfer ihr das humanistische Denken eröffnet hat, und welches Buch hilft, China besser zu verstehen.

Wei Zhang

Wei Zhang

Autorin

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Wei Zhang ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Kulturvermittlerin. Sie wuchs in der südwestchinesischen Stadt Chongqing auf, heute die flächenmässig grösste Stadt der Welt. Seit 1990 lebt sie in der Schweiz. Ende Februar erscheint mit «Satellit über Tiannanmen» (Elster & Salis) ihr zweiter Roman auf Deutsch.

SRF: Welches ist Ihr liebstes Buch?

Wei Zhang: Die «Aufzeichnungen aus dem Kellerloch» von Fjodor Dostojewski. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Zwar sind auch Dostojewskis grosse Romane wunderbar, in sie kann man hereinsinken. Aber dieser kurze Text ist eine einzige Perle. Dostojewski schreibt über den Menschen, das Getriebene an ihm, die Liebe und über die seelische Grösse. Ich möchte es immer wieder zur Hand nehmen. Nach der Lektüre fühle ich mich wie nach einer finnischen Sauna!

Wo lesen Sie am liebsten?

Ich lese an einem Fensterplatz, bei natürlichem Licht. Am besten auf einem weichen Sofa. Früher als Jugendliche in China habe ich mir so das dekadente Boheme-Leben in Europa vorgestellt. Dann kam ich den 90er-Jahren in die protestantische und tüchtige Schweiz und sah kaum jemanden, der diesem Bild entsprach (lacht). Trotzdem: Auf einem Sofa mit Blick in die Ferne geborgen und ungestört zu lesen bedeutet für mich Freiheit.

Ein Buch, das Ihnen die Liebe zum Lesen eröffnet hat?

«Die Bekenntnisse», die Autobiografie des Genfer Philosophen Jean-Jacques Rousseau. In China fand ich die offizielle Sprache, den politischen Jargon, ganz furchtbar. Man spürte nichts Menschliches dabei. Dann las ich die «Bekenntnisse» und spürte Rousseaus Humanismus, seine volle Emotion und seine Offenheit und musste weinen!

Rousseau hat mich unglaublich beeinflusst.

Dieses Erlebnis habe ich nie mehr vergessen. Seitdem habe ich mich nicht getraut, das Buch wieder zu lesen. Es hat mich immer begleitet. Auf der Petersinsel in Biel habe ich mich sehr über das winzige Rousseau-Denkmal gewundert. Er hat definitiv nicht den Platz, den er verdient! Mich hat er unglaublich beeinflusst.

Ein Buch, durch das wir China besser verstehen?

Der grosse Roman «Der Traum der Roten Kammer» (Honglou meng) von Cao Xueqin aus dem frühen 18. Jahrhundert. Es ist einer der klassischen Romane der chinesischen Literatur. Ein Epos, etwa wie die Werke von Shakespeare in England. Durch das Buch kann man die chinesische Geschichte und Kultur kennenlernen. Das hilft, das moderne China begreifen.

Ein Buch, bei dem Sie laut lachen mussten?

«Der Mann, der sein Blut verkaufte» (Xu Sanguan mai xue ji) von Yu Hua. Eigentlich eine ganz traurige Geschichte, aber man lacht Tränen! Wunderbar absurde Szenen und Dialoge.

Für mich muss Literatur immer auch eine Trägerin von Emotion sein.

Ein Buch, das Sie gerne verschenken?

«Die Freiheit einer Frau» von Édouard Louis. Ich liebe die Szene, wie die Mutter des Autors, eine Frau aus der Arbeiterklasse, auf der Strasse eine Zigarette von Catherine Deneuve raucht. Keine grossen Worte, aber so viel Emotion! Dieser Roman gibt so viel Hoffnung. Édouard Louis ist sehr klug und intellektuell, aber voller Offenheit und überhaupt nicht prätentiös.

Ein Buch, das Sie Kindern gerne vorlesen?

«Oh, wie schön ist Panama» von Janosch.

Ein Buch, dem Sie mehr Leser wünschen?

«Die Buchhandlung» von Penelope Fitzgerald. Die Autorin traut sich zu erzählen, ohne zu befürchten, Klischees zu produzieren. Für mich muss Literatur immer auch eine Trägerin von Emotion sein. Nicht nur ein Sprachgehäuse. Eine reduzierte Sprache ohne Emotionen finde ich immer ein bisschen schade!

Die Fragen stellte Markus Tischer.

SRF 1, Literaturclub, 02.02.2022, 22:25 Uhr;

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