Kamen in den schillernden BDSM-Spielchen von Anastasia Steele und Christian Grey aus dem Film «Fifty Shades of Grey» eigentlich auch Vampirzähne vor? Wer sich an keine solche bissige Szene erinnern kann, sei an dieser Stelle beunruhigt: Es gibt sie nicht. Doch es gab sie. In der Vorgänger-Version des weltweiten Buch- und Kinohits. Die ist nämlich eine Fanfiction und spielt in der Vampirwelt von «Twilight».
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Bild 1 von 2. Ihre Romanze diente als Vorlage: Bella (Kristen Stewart) und Edward (Robert Pattinson) aus der «Twilight»-Saga. Bildquelle: Imago/Cinema Publishers Collection.
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Bild 2 von 2. Aus Vermarktungsgründen mussten die Vampirzähne in der Nachempfindung «Fifty Shades of Grey» jedoch weichen. Entstanden sind Anastasia Steele (Dakota Johnson) und Christian Grey (Jamie Dornan). Bildquelle: Imago/ZUMA Press Wire.
Anastasia und der muskelbepackte Millionär Mr. Grey sind in Wirklichkeit Bella und Edward aus «Twilight» – zu der Zeit als die Schriftstellerin E. L. James noch unter dem Pseudonym «Snowqueens Icedragon» Fanfictions schrieb.
Diese Metamorphose, von der intimen Verehrung für bestehende Bücher und Filme hin zu einem eigenen, millionenschweren Universum wie bei E.L. James, ist übrigens längst kein Einzelfall mehr.
Utopischer Freiraum
Fanfictions sind Geschichten, die sich an bekannten Originalen wie Harry Potter, Star Trek oder eben Twilight bedienen, um alternative Handlungen zu erzählen. Durch das Internet wurde das Genre massentauglich. Die bekannteste Fanfiction-Website «Archive of Our Own» zählt über 10 Millionen Nutzende und beinahe 17 Millionen Werke.
Fanfiction findet im digitalen Raum statt, abseits von Kommerz. Die Plattformen verstehen sich als liberale, inklusive Orte fernab von Diskriminierung oder Scham. Was auf diesen Webseiten passiert, ist demokratisch: Alle dürfen über alles schreiben, die eigene Begeisterung auszuleben, steht im Mittelpunkt – ganz egal wie das aussehen mag.
Das bedeutet jedoch auch, dass sonst übliche Grenzen überschritten werden. So gibt es auch Darstellungen von Inzest, Missbrauch oder Pädophilie. Oder Geschichten über reale Personen wie die verbotene Liebe zwischen einer Journalistin und einem gewissen Bundesrat «André Béret». Denn Fanfictions können auch von realen Personen inspiriert sein: Bands, Musikerinnen oder eben auch Politiker.
Von tiefer Liebe und eigener Produktivität
Am Anfang aller Fanfictions steht das Fan-Sein, also die Liebe zum Original. Wer eine gute Fanfiction schreiben will, muss das Original einwandfrei kennen – egal ob Star Trek, Harry Potter oder Twilight. Aber diese Liebe ist nicht blind. Denn Fanfiction kann auch Kritik am Original üben.
Fehlende Repräsentation wird nachgeholt, einseitiges Erzählen wird diverser und vernachlässigte Figuren dürfen das Rampenlicht geniessen. So entstehen etwa Geschichten rund um eine homosexuelle Beziehung zwischen Captain Kirk und Spock, einen transsexuellen Harry Potter oder eben auch um den BDSM-Sex von Bella und dem Vampir Edward.
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Bild 1 von 4. Die Romcom «The Idea of You» (2024) basiert auf einer Harry-Styles-Fanfiction. Die Geschichte handelt von einer 40-jährigen alleinerziehenden Mutter (Anne Hathaway), die eine Liebesbeziehung mit einem deutlich jüngeren Popstar (Nicholas Galitzine) eingeht. Bildquelle: Imago/Picturelux.
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Bild 2 von 4. Präsidentensohn trifft britischen Prinzen: «Red, White & Royal Blue» (2023) mit Taylor Zakhar Perez (hinten links) und Nicholas Galitzine (hinten rechts) wurde zum Amazon-Prime-Erfolg. Der Film basiert auf einer Fanfiction über die Hollywood-Schauspieler Jesse Eisenberg und Andrew Garfield. Bildquelle: Imago/ Capital Pictures.
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Bild 3 von 4. Noch eine Harry-Styles-Fanfiction: «After» (2019) mit Josephine Langford (links) und Hero Fiennes Tiffin erzählt die turbulente Liebesgeschichte zwischen zwei Studierenden. Ursprünglich erschien die Geschichte von Anna Todd (Mitte) 2019 auf der Fanfiction-Plattform Wattpad. Bildquelle: Imago/Capital Pictures.
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Bild 4 von 4. Jamie Campbell Bower als Schattenjäger Jace Wayland in «The Mortal Instruments: City of Bones» (2013). Autorin Cassandra Clare begann ihre Karriere mit der «Draco Trilogy», einer populären Harry-Potter-Fanfiction über Draco Malfoy. Bildquelle: Imago/Everett Collection.
Der Erfolg der Nische
Wer dann aber auf dem Literatur- oder Filmmarkt kommerziellen Erfolg erzielen will, muss jegliche Hinweise auf die Ursprünge der Fanfiction löschen oder umschreiben. Genau deshalb schleicht in «Fifty Shades of Grey» kein bissiger Vampir mehr herum, sondern ein Millionär im Anzug mit gewissen Vorlieben im Bett.
Auf Fanfiction-Plattformen treffen Fans auf Gleichgesinnte, die begeisterte Kommentare hinterlassen und so zum Weitermachen ermutigen. Das führt zu einem Berg von Geschichten, von denen einerseits bei Weitem nicht alle gut sind. Andererseits können so hin und wieder auch kommerzielle Erfolgs-Diamanten, wie ein heisser Millionär mit grauem Namen, entstehen.