Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Wenn Fans die Feder führen Von Fans zu Bestsellerautoren : Die Macht der Fanfiction

Fans spinnen die Geschichten ihrer Lieblinge gerne weiter. So entstehen teils neue Erfolgs-Hits wie «Fifty Shades of Grey». Denn die Autorin der BDSM-Romane hat diese ursprünglich als Fanfiction die «Twilight»-Saga fortgeschrieben.

Kamen in den schillernden BDSM-Spielchen von Anastasia Steele und Christian Grey aus dem Film «Fifty Shades of Grey» eigentlich auch Vampirzähne vor? Wer sich an keine solche bissige Szene erinnern kann, sei an dieser Stelle beunruhigt: Es gibt sie nicht. Doch es gab sie. In der Vorgänger-Version des weltweiten Buch- und Kinohits. Die ist nämlich eine Fanfiction und spielt in der Vampirwelt von «Twilight».

Anastasia und der muskelbepackte Millionär Mr. Grey sind in Wirklichkeit Bella und Edward aus «Twilight» – zu der Zeit als die Schriftstellerin E. L. James noch unter dem Pseudonym «Snowqueens Icedragon» Fanfictions schrieb.

Diese Metamorphose, von der intimen Verehrung für bestehende Bücher und Filme hin zu einem eigenen, millionenschweren Universum wie bei E.L. James, ist übrigens längst kein Einzelfall mehr.

Utopischer Freiraum

Fanfictions sind Geschichten, die sich an bekannten Originalen wie Harry Potter, Star Trek oder eben Twilight bedienen, um alternative Handlungen zu erzählen. Durch das Internet wurde das Genre massentauglich. Die bekannteste Fanfiction-Website «Archive of Our Own» zählt über 10 Millionen Nutzende und beinahe 17 Millionen Werke.

Fanfiction findet im digitalen Raum statt, abseits von Kommerz. Die Plattformen verstehen sich als liberale, inklusive Orte fernab von Diskriminierung oder Scham. Was auf diesen Webseiten passiert, ist demokratisch: Alle dürfen über alles schreiben, die eigene Begeisterung auszuleben, steht im Mittelpunkt – ganz egal wie das aussehen mag.

Das bedeutet jedoch auch, dass sonst übliche Grenzen überschritten werden. So gibt es auch Darstellungen von Inzest, Missbrauch oder Pädophilie. Oder Geschichten über reale Personen wie die verbotene Liebe zwischen einer Journalistin und einem gewissen Bundesrat «André Béret». Denn Fanfictions können auch von realen Personen inspiriert sein: Bands, Musikerinnen oder eben auch Politiker.

Von tiefer Liebe und eigener Produktivität

Am Anfang aller Fanfictions steht das Fan-Sein, also die Liebe zum Original. Wer eine gute Fanfiction schreiben will, muss das Original einwandfrei kennen – egal ob Star Trek, Harry Potter oder Twilight. Aber diese Liebe ist nicht blind. Denn Fanfiction kann auch Kritik am Original üben.

Fehlende Repräsentation wird nachgeholt, einseitiges Erzählen wird diverser und vernachlässigte Figuren dürfen das Rampenlicht geniessen. So entstehen etwa Geschichten rund um eine homosexuelle Beziehung zwischen Captain Kirk und Spock, einen transsexuellen Harry Potter oder eben auch um den BDSM-Sex von Bella und dem Vampir Edward.

Der Erfolg der Nische

Wer dann aber auf dem Literatur- oder Filmmarkt kommerziellen Erfolg erzielen will, muss jegliche Hinweise auf die Ursprünge der Fanfiction löschen oder umschreiben. Genau deshalb schleicht in «Fifty Shades of Grey» kein bissiger Vampir mehr herum, sondern ein Millionär im Anzug mit gewissen Vorlieben im Bett.

Kontroverse Liebesgeschichten

Box aufklappen Box zuklappen

Sowohl die Story in «Twilight» als auch die davon inspirierte Reihe «Fifty Shades of Grey» behandeln Beziehungsstrukturen, die auch in der Kritik standen. Beide Romanzen enthalten teilweise Darstellungen von unklarem Consent, Übergriffigkeit sowie ungleichen Machtstrukturen.

Trotz dieser Kontroversen waren beide Buch- und Film-Reihen kommerziell äusserst erfolgreich, was jedoch nicht zwingend viel über die literarische oder cineastische Qualität dieser Werke auszusagen hat.

Auf Fanfiction-Plattformen treffen Fans auf Gleichgesinnte, die begeisterte Kommentare hinterlassen und so zum Weitermachen ermutigen. Das führt zu einem Berg von Geschichten, von denen einerseits bei Weitem nicht alle gut sind. Andererseits können so hin und wieder auch kommerzielle Erfolgs-Diamanten, wie ein heisser Millionär mit grauem Namen, entstehen.

Radio SRF 2 Kultur, 25.02., Kulturplatz Talk, 9:00 Uhr

Meistgelesene Artikel