Wiglaf Droste – «Wohlfühlmomente vom Feinsten» und andere Phrasen

Wiglaf Drostes Glossen zur Sprache sind legendär. Sie sind witzig und auch mal selbstironisch. Jetzt ist eine neue Folge von Glossen erschienen: Im Buch «Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv» nimmt sich Droske die Phrasen vor – das ganz grosse Geschwätz.

Porträtaufnahme von Wiglaf Droste. Er trägt einen schwarzen Mantel, weisses Hemd und einen schwarzen Hut. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wiglaf Droste hat ein feines Gespür für Bewusstseinslagen und Mentalitäten, die sich in gebrauchten Sätzen ausdrücken. Axel Martens

Das Spiel mit der Grammatik füllt nur dann grosse Hallen und Büchertische, wenn es als grosser Spass auftritt. Also etwa dann, wenn der «Dativ dem Genitiv sein Tod» ist, wie bei Bestseller-Autor Bastian Sick. Wilhelm Busch erfand dazu die zeitlose Figur «Lehrer Lämpel». Lämpel lebt, sicher. Aber er hat auch einen genuinen Widersacher. Sein Name: Wiglaf Droste.

Sprachkritik ist Ideologiekritik

Droste ist Lämpels Gegenbild. Er ist Sprachkritiker, aber keiner, der den Zeitgenossen richtiges Deutsch beibringen will. Keiner, dem es beim Sprechen und Schreiben um soziale Unterscheidungsgewinne geht. Auch Rechthaberei liegt ihm fern. Drostes Thema ist die Phrase. Er zielt auf das ganz grosse Geschwätz. Seine Sprachkritik ist Ideologiekritik. Das Wort ist sehr aus der Mode inzwischen, doch die Sache ist es nicht. Seit Swift und Flaubert gibt es die Sammlung sprachlicher Dummheiten, die das öffentliche Leben stets neu hervorbringt.

Ein satirischer Esprit und kaum mehr als zwei Seiten Text pro sprachliche Entgleisung – und über 100 davon: «Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv», nennt Droste seine neuen «Sprachglossen». Es sind Texte, die den Sinn einer Szene erfassen, der nicht in den Buchstaben steht.

Beobachter mit feinem Gespür

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Buchhinweis

Wiglaf Droste: «Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv.» Edition Tiamat, Berlin 2013.

Wiglaf Droste ist Beobachter. Er hat ein feines Gespür für Bewusstseinslagen, für Mentalitäten, die sich in gebrauchten Sätzen ausdrücken. Er arbeitet situativ. Er notiert, was er hört, ist viel unterwegs in Berlin und anderswo. Modewörter wie «Transparenz» und «Nachhaltigkeit» stehen in seiner Sammlung, dazu sehr viele Anglizismen, von «No Go» bis «To Go» und die auch sehr beliebte «To do-Liste».

Und Droste findet, tatsächlich, auch die Wendung «Bewusstsein, das mit Werten gestaltet». Die «Volks- und Raiffeisenbanken» werben mit diesem besonders sinnlosen Spruch. Dabei gilt: Sätze müssen prunken, irgendwie gehoben müssen sie sein, immer bereit, von eher tristen Verhältnissen abzulenken.

Ziemlich böse und ziemlich gut

In der «Deutschen Bahn», zwischen Anklam und Usedom, sieht Droste im Bordbistro die «Wohlfühlmomente vom Feinsten» und fragt an anderer Stelle: «Woran erkennt man eine Idylle?» Die Antwort: «An der permanenten Fluchtbereitschaft ihrer Bewohner. Niemand ist so gut motorisiert, wie die Bewohner ländlicher Idyllen. Sie wissen sehr genau, dass die Paradiese der Welt nur zu ertragen sind, wenn man sie jederzeit verlassen kann. In einer bis zur Irrsinnigkeit mobilen und mobilisierten Gesellschaft ist die Landbevölkerung Avantgarde.» Das ist ziemlich böse und ziemlich gut beobachtet. Und es ist komisch. Drostes Glossen sind oft witzig, aber sie lachen auch über sich selbst. Und doch, diese Sprachkritik ist wirklich kein Glasperlenspiel.

Erkenntnis- und Lustgewinn sind vereinbar

Droste ist Aufklärer, ja, das gibt es noch. Darin ist er ein Verwandter Max Goldts und des Konkret-Herausgebers Hermann L. Gremliza. Das zeigt sich auch in den Titeln ihrer Bücher, die den gemeinsamen Sinn für das witzig Treffende, das Ungewohnte erkennen lassen: Goldt zeigt die «Kugeln in unseren Köpfen», Gremliza beschrieb, was «Gabriele Henkel alles mit der Hand macht» und Droste reiste schon in «80 Phrasen um die Welt». Titel, die anzeigen: Erkenntnis- und Lustgewinn sind vereinbar.

Wiglaf Droste ähnelt Karl Kraus in den besten Momenten. Kraus ist der Erfinder dieser Form der Sprach-Glossen. In seiner Zeitschrift «Die Fackel» hat er es vorgemacht: Wenige Zeilen um ein Zitat herum gebaut, geben einen neuen Sinn. Phantasie und Sprachgefühl umstellen die Phrase so, dass sie plötzlich zu sehen ist. Und siehe da: Sie ist ziemlich nackt.

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