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«Zu Besuch bei der Hautevolee» High-Society im Ekelrausch: Ein Abend am Wiener Opernball

Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel hat den Wiener Opernball besucht und daraus ein urkomisches Buch gemacht, in dem sie die Tanzveranstaltung als Orgie des Wahnsinns seziert.

Stefanie Sargnagel und der Opernball – das passt ungefähr so gut zusammen wie ein Fleischfetischist und ein veganes Foodfestival. Zwar ist Sargnagel gebürtige Wienerin, doch ihr Herz schlägt für abgeranzte Beisln, nicht für Logenplätze.

Frau mit Sandwich und Getränken in einem Theaterbalkon.
Legende: Lost in der Loge: Autorin Stefanie Sargnagel besuchte 2024 den Wiener Opernball – und schaute dem Treiben zu, um es später in Theaterstück und nun auch als Buch genüsslich zu zerpflücken. Pertramer / Rabenhof

Mit Vorliebe schiesst die Autorin und Cartoonistin gegen Eliten aller Art. Wenn ausgerechnet sie das Hochamt der österreichischen High Society besucht, ist eines sicher: Es wird grotesk. Und es wird lustig – schon bei den Vorbereitungen.

Was macht Stefanie Sargnagel am Opernball?

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Vier Personen in Blumenkleidern auf einer Bühne.
Legende: Das Opernballgeschehen im Stück « Opernball» am Wiener Rabenhof. Pertramer / Rabenhof

Stefanie Sargnagel (bürgerlich Stefanie Sprengnagel) wurde 1986 in Wien geboren. Unter ihrem Künstlerinnennamen veröffentlicht sie satirische Texte, Romane und Cartoons und ist seit Neuestem auch als humorvolle «Momfluencerin» aktiv.

2016 nahm Sargnagel am Bachmann-Wettbewerb teil. Ihr Roman «Iowa» stand 2024 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Im Februar 2024 besuchte Sargnagel den Wiener Opernball im Auftrag des Rabenhof-Theaters und der Verantwortlichen des Johann-Strauss-Jubiläumsjahres 2025. Aus diesem Erlebnis entstand eine schrille Theatershow, die im vergangenen Jahr am Rabenhof-Theater Premiere feierte – jetzt ist die groteske Geschichte auch als Buch erschienen.

Das Theaterstück «Opernball. Walzer, Wein und Wohlstandsbauch» ist noch immer im Wiener Rabenhof-Theater zu sehen. Vorstellungen finden im Februar, März und Juni statt.

Für das Glitzerevent lässt sich Sargnagels Alter Ego Steffi die Poren mit Schleifpapier öffnen, um sie abschliessend rosig zu verkleistern. Stylistinnen spritzen ihr grobkörnigen Pfeffer in die Lippen und schlagen die Flöhe tot, die der Erzählerin aus dem Allerwertesten hüpfen.

Koksende Kids beim Walzern

In Abendrobe und collierbehangen mischt sich Sargnagels dichterisches Ich unter die Ballgäste, begleitet von zwei Freunden: «die Kellnerin» und «der Museumswärter». Während er Fun Facts über Walzerkönig Strauss streut, verkörpert sie die Arbeiterklasse, aus der auch Sargnagel stammt.

Tänzer in Abendkleidung bei einer eleganten Veranstaltung in einem Ballsaal.
Legende: Es «muss» getanzt werden: Debütantinnen und Debütanten werden «in die Gesellschaft eingeführt» – am Wiener Opernball 2025. Keystone / APA / ROLAND SCHLAGER

Von anderem Stand sind die Debütantinnen und Debütanten, die den Ball traditionell eröffnen und von der Erzählerin beobachtet werden: «Die meisten dieser Jugendlichen sind extrem behütet aufgewachsen, die Schlimmen unter ihnen koksen dafür umso mehr, seitdem sie in der Kanzlei vom Papa die geheime Lade entdeckt haben.»

Boulevard, Blut und Blasenentleerung

Der Opernball ist aber nicht nur ein Tanzbend für wohlerzogene Wiener Sprösslinge, sondern vor allem ein Klassentreffen der Boulevard- und Politprominenz. Und die bekommt bei Sargnagel ihr Fett weg:

Ex-Finanzminister Gernot Blümel bekommt eine Minierektion angedichtet, Kurzzeit-Kanzler Schallenberg erbricht sich auf das Kleid der Waffenproduzentin Glock, die ihn daraufhin erschiesst. Und FPÖ-Chef Kickl pinkelt – sehr zur Freude der Kristallindustriellen Swarowski – vom Opernkronleuchter.

In diesem Buch tummeln sich einige Persönlichkeiten, die ausserhalb Österreichs wohl nur wenige kennen. Aber auch ohne nachzugoogeln ist man bestens unterhalten, wenn Sargnagel den glamourösen Opernball als dekadente Verkleidungsparty demaskiert.

Dabei verspottet sie nicht nur die Reichen und mehr oder weniger Schönen, sondern zerpflückt auch ihre eigene Gilde: «Der Künstler ist der einzige Lump, der unverstellt die Klasse wechseln darf. Denen ist das egal. Die finden es witzig, wenn der Künstler leicht angegammelt ist und bissl kaputt, vor allem, wenn er erfolgreich und ein Mann ist.»

Person in blauem Pullover sitzt vor rotem Vorhang, Hand reicht Glas an.
Legende: Der Ball der Bälle: Wo Champagner in Strömen fliesst, hat auch Gesellschaftskritik ihren Platz, findet Stefanie Sargnagel – und teilt ordentlich aus. Pertramer / Rabenhof

Auch die Künstlerin Sargnagel wird durch ihre Prominenz Teil der «feinen» Gesellschaft – wie sie halb ironisch, halb entsetzt feststellt – als eine Kunstmäzenin sie in ihre Loge zerren will.

Ein Lippizaner zum Ende

Sargnagels Ball-Porträt ist derb und lustvoll bissig, doch dahinter steckt ein scharfer Blick für Klassismus. Sie entlarvt die grauseligen Auswüchse der Schickeria, die immer hemmungsloser wird: Überteuerter Champagner fliesst, Blut spritzt, und der Tanzabend entartet zur Ekel-Orgie.

Buchhinweis

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Stefanie Sargnagel: «Opernball. Zu Besuch bei der Hautevolee». Rowohlt Hundert Augen, 2026.

Diese Gesellschaftskritik ist vor allem wahnsinnig unterhaltsam und bietet das perfekte Gegenprogramm zum Ball der Bälle. Und wenn die Erzählerin zum Ende im Fiaker von einem Lipizzaner nach Hause gezogen wird, ist man froh, nicht selbst Teil der Hautevolee in der Staatsoper gewesen zu sein.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 12.2.2026, 7:06 Uhr

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