Stefanie Sargnagel und der Opernball – das passt ungefähr so gut zusammen wie ein Fleischfetischist und ein veganes Foodfestival. Zwar ist Sargnagel gebürtige Wienerin, doch ihr Herz schlägt für abgeranzte Beisln, nicht für Logenplätze.
Mit Vorliebe schiesst die Autorin und Cartoonistin gegen Eliten aller Art. Wenn ausgerechnet sie das Hochamt der österreichischen High Society besucht, ist eines sicher: Es wird grotesk. Und es wird lustig – schon bei den Vorbereitungen.
Für das Glitzerevent lässt sich Sargnagels Alter Ego Steffi die Poren mit Schleifpapier öffnen, um sie abschliessend rosig zu verkleistern. Stylistinnen spritzen ihr grobkörnigen Pfeffer in die Lippen und schlagen die Flöhe tot, die der Erzählerin aus dem Allerwertesten hüpfen.
Koksende Kids beim Walzern
In Abendrobe und collierbehangen mischt sich Sargnagels dichterisches Ich unter die Ballgäste, begleitet von zwei Freunden: «die Kellnerin» und «der Museumswärter». Während er Fun Facts über Walzerkönig Strauss streut, verkörpert sie die Arbeiterklasse, aus der auch Sargnagel stammt.
Von anderem Stand sind die Debütantinnen und Debütanten, die den Ball traditionell eröffnen und von der Erzählerin beobachtet werden: «Die meisten dieser Jugendlichen sind extrem behütet aufgewachsen, die Schlimmen unter ihnen koksen dafür umso mehr, seitdem sie in der Kanzlei vom Papa die geheime Lade entdeckt haben.»
Boulevard, Blut und Blasenentleerung
Der Opernball ist aber nicht nur ein Tanzbend für wohlerzogene Wiener Sprösslinge, sondern vor allem ein Klassentreffen der Boulevard- und Politprominenz. Und die bekommt bei Sargnagel ihr Fett weg:
Ex-Finanzminister Gernot Blümel bekommt eine Minierektion angedichtet, Kurzzeit-Kanzler Schallenberg erbricht sich auf das Kleid der Waffenproduzentin Glock, die ihn daraufhin erschiesst. Und FPÖ-Chef Kickl pinkelt – sehr zur Freude der Kristallindustriellen Swarowski – vom Opernkronleuchter.
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Bild 1 von 5. Der Wiener Opernball: Drinnen festliche Stimmung mit sich drehenden Paaren ... (2023). Bildquelle: Keystone / APA / EVA MANHART.
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Bild 2 von 5. ... jeder Menge Prominenz, wie Schaupielerin Joan Collins mit dem Unternehmer Richard Lugner ... (1993). Bildquelle: IMAGO / Viennareport.
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Bild 3 von 5. ... Schauspielerin und Aktivistin Jane Fonda ... (2023). Bildquelle: Keystone / APA/TOBIAS STEINMAURER.
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Bild 4 von 5. ... oder auch Modedesigner Harald Glööckler. (2024). Bildquelle: Keystone / APA / HELMUT FOHRINGER.
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Bild 5 von 5. Und draussen: regelmässig Demonstrationen. (2023). Bildquelle: Keystone / APA / TOBIAS STEINMAURER.
In diesem Buch tummeln sich einige Persönlichkeiten, die ausserhalb Österreichs wohl nur wenige kennen. Aber auch ohne nachzugoogeln ist man bestens unterhalten, wenn Sargnagel den glamourösen Opernball als dekadente Verkleidungsparty demaskiert.
Dabei verspottet sie nicht nur die Reichen und mehr oder weniger Schönen, sondern zerpflückt auch ihre eigene Gilde: «Der Künstler ist der einzige Lump, der unverstellt die Klasse wechseln darf. Denen ist das egal. Die finden es witzig, wenn der Künstler leicht angegammelt ist und bissl kaputt, vor allem, wenn er erfolgreich und ein Mann ist.»
Auch die Künstlerin Sargnagel wird durch ihre Prominenz Teil der «feinen» Gesellschaft – wie sie halb ironisch, halb entsetzt feststellt – als eine Kunstmäzenin sie in ihre Loge zerren will.
Ein Lippizaner zum Ende
Sargnagels Ball-Porträt ist derb und lustvoll bissig, doch dahinter steckt ein scharfer Blick für Klassismus. Sie entlarvt die grauseligen Auswüchse der Schickeria, die immer hemmungsloser wird: Überteuerter Champagner fliesst, Blut spritzt, und der Tanzabend entartet zur Ekel-Orgie.
Diese Gesellschaftskritik ist vor allem wahnsinnig unterhaltsam und bietet das perfekte Gegenprogramm zum Ball der Bälle. Und wenn die Erzählerin zum Ende im Fiaker von einem Lipizzaner nach Hause gezogen wird, ist man froh, nicht selbst Teil der Hautevolee in der Staatsoper gewesen zu sein.