Musikalisch, modisch, künstlerisch: David Bowie war seiner Zeit ein paar Takte voraus. Weniger bekannt ist: Der vor zehn Jahren verstorbene Popstar dachte auch das Internet früher und weiter als fast alle anderen. Fünf Belege für Bowies digitalen Riecher.
1. «Unimaginable!» – Bowies Ansage auf BBC
1999 sitzt David Bowie im BBC-Studio bei Moderator Jeremy Paxman – und wirkt, als sei er vom Mars gefallen. Das Internet, sagt Bowie dem Moderator, sei eine Kraft, deren Auswirkungen auf Kunst, Politik und Gesellschaft schlechterdings unvorstellbar seien. «We haven’t even seen the tip of the iceberg», dozierte Bowie.
Als Paxman das Netz als blosses «Tool» abtun will, widerspricht Bowie vehement. Das Internet sei eine «neue, fremde Lebensform». Das Interview gilt als ikonischer Bewegtbild-Beleg für Bowies digitale Weitsicht.
2. «Telling Lies» – eine Single «online first»
Bereits 1996 hatte der Brite mit «Telling Lies» als einer der ersten Top-Acts überhaupt eine Single direkt im Internet releast. (Sie fand später Platz auf dem Bowie-Album «Earthling».) Zwar gab es damals bereits erste digitale Tauschbörsen wie Napster, auf denen die Nerds ihre Musikdateien teilten. Die meisten Haushalte waren aber noch länger offline, Breitband ein Fremdwort.
Umso bemerkenswerter: mehr als 300'000 Downloads – ein erster Achtungserfolg und ein erstes Signal, dass Musik jenseits klassischer Vertriebswege funktionieren könnte.
3. Bowie-Net – Social Media «avant la lettre»
1998 ging Bowie noch einen Schritt weiter und lancierte Bowie-Net, einen eigenen Internet-Anbieter. Dort gab es Musik zum Download, exklusive Inhalte, eine bunte Bowie-Parallelwelt im «Second Life»-Stil – und gelegentlich schaute der Superstar höchstselbst auf einen Chat vorbei.
«Mit Bowie-Net zeigte Bowie definitiv, dass er ein Visionär war, was digitale Technologien angeht», sagt SRF-Digitalredaktor Jürg Tschirren. «Er nahm damit die Idee sozialer Netzwerke ein Stück weit voraus.» Kultstatus hatte auch die E-Mail-Adresse @bowie-net.com – ein digitales Statussymbol für Bowie-Jünger.
4. «Hours» – ein «Cyber Coup»?
1999 noch so ein digitaler Big Bang: David Bowie stellte sein Album «Hours» zwei Wochen vor dem offiziellen Album-Release ins Netz. Für den «Rolling Stone» ein «Cyber Coup», auch wenn die Downloadzeiten unterirdisch waren und die Zahlen überschaubar – 989 Downloads in zwei Wochen. (Bis heute geht der Witz: Das Album hiess deshalb «Hours», weil der Download Stunden dauerte.)
Die Musikindustrie war dagegen. «Die Labels fürchteten, die Hoheit über ihre Lizenzrechte zu verlieren – und damit über die Musik selbst», sagt SRF-Digitalexperte Jürg Tschirren. Bowie stand damit quer in der Landschaft. Er konnte es sich auch leisten: als etablierter Künstler – und als jemand, der bewusst Grenzen austestete.
Very Bowie auch das: Der Star band seine Fanbase aktiv ein. Für den «Hours»-Song «What’s Really Happening?» stellte Bowie eine Demo-Version online und rief seins Fans dazu auf, die Lyrics fertigzuschreiben. Die Aufnahmen wurden online gestreamt – mit einer futuristischen 360-Grad-Kamera.
5. Live auf neuen Bühnen
Bereits 1997 streamte David Bowie eines seiner Konzerte live im Internet – zu einer Zeit, als Live-Streaming für die meisten noch undenkbar war. Die Bildqualität grobkörnig, der Ton verzögert, die Technik hatte mehr als Kinderkrankheiten. Bowie testete damit früh, was längst selbstverständlich ist – Konzerte als digitales Ereignis, unabhängig von Ort und physischer Präsenz.