Zum Inhalt springen

Header

Audio
50 Jahre «Macht kaputt, was euch kaputt macht»
Aus Kontext vom 02.09.2020.
abspielen. Laufzeit 16:27 Minuten.
Inhalt

50 Jahre Ton Steine Scherben Von links verehrt, von rechts versehrt

Ton Steine Scherben waren das musikalische Sprachrohr der deutschen Anarcho-Szene. Heute bedienen sich auch Neonazis ihrer Parolen.

September 1970: Auf der Ostseeinsel Fehmarn findet das Love-and-Peace-Festival statt. Für die Berliner Band Ton Steine Scherben ist es der erste Live-Auftritt. Aber mit Love und Peace ist es schnell aus.

Die Veranstalter hatten sich mit den Festival-Einnahmen vom Acker gemacht. Voller Wut schreit Scherben-Sänger Rio Reiser «Macht kaputt, was euch kaputt macht, Link öffnet in einem neuen Fenster» ins Mikrofon.

Kurze Zeit später brennt die Bühne. Ton Steine Scherben sind schlagartig in aller Munde.

Alltagsprobleme und Generationenkonflikte

Mit ihren radikalen und plakativen Texten werden sie zum Sprachrohr der unzufriedenen Jugend, deren Alltagsprobleme sie thematisieren: Arbeitslosigkeit, der Wunsch nach Gemeinschaft und Freiheit.

«Ich will nicht werden, was mein Alter ist, Link öffnet in einem neuen Fenster» erzählt vom Generationenkonflikt. Der «Rauch-Haus-Song, Link öffnet in einem neuen Fenster» wird zum Soundtrack für Hausbesetzungen, die die Scherben ebenso begleiten wie orga­nisierte Schwarzfahraktionen.

Kein Geld, kein grosses Label

Begleitmusik für Demos und Protest-Aktionen: Das ist zwar toll für das Image einer Anarcho-Band. Aber Geld verdienen lässt sich damit kaum.

Eine Band, die den Sturz der Regierung fordert, in deren WG spätere RAF-TerroristInnen ein- und ausgehen und die sich für die Legalisierung von Homosexualität ausspricht, ist zudem wenig radiokompatibel. Ein Plattenvertrag mit einem grossen Label in konservativen Zeiten? Unerreichbar.

Poppiger Ausverkauf?

Als Mitte der 1970er-Jahre die Jugendproteste abflauen, beginnt auch aus den Texten von Ton Steine Scherben die Radikalität zu verschwinden. Sie schlagen ungewohnt sanfte Töne an. Ihre ehemaligen Fans und Mitstreiter werfen der Band einen poppigen Ausverkauf vor.

1985 lösen sich Ton Steine Scherben auf und hinterlassen neben ihrer Musik 200'000 Mark Schulden.

Die Scherben zählen heute nicht zu den bekanntesten deutschen Rockbands. Trotzdem covern Schlagersängerinnen wie Allerweltsrocker, Linksradikale wie Neonazis ihre Songs. Wir sind Helden, Die Söhne Mannheims oder Die Prinzen nennen die Scherben als Vorbild.

Wolfgang Seidel beobachtet diese Vereinnahmung kritisch. Die ehemalige Hymne der autonomen Hausbesetzer «Allein machen sie dich ein, Link öffnet in einem neuen Fenster» fände sich heute in jedem Liederbuch der extremen Rechten: «In einer anderen Zeit und in einem anderen Kontext ist man nicht auf die Idee gekommen, dass so eine Textzeile eine falsche Resonanz haben könnte. Die Band war davon völlig frei.»

Wolfgang Seidel

Wolfgang Seidel (geb. 1949) gehört zu den Gründern der Band Ton Steine Scherben. 1972 steigt er aus. Seit Mitte der 80er-Jahre arbeitet er in Berlin als Grafiker und Publizist und ist als Schlagzeuger und Elektroniker in der improvisierten Musik aktiv.

Aber dass sich Scherben-Songs heute im Kontext von Heimat und Nation wiederfinden, geht auch auf ihr eigenes Selbstverständnis zurück. Rio Reiser liess sich voller Stolz deutscher Volkssänger nennen.

«Bei ‹Volk› dachte man an Arbeiterklasse oder die Werktätigen. Der Begriff hatte keinen völkischen Gehalt». Aber die Wortwahl sei heute natürlich problematisch, gibt Wolfgang Seidel zu.

Von Kreuzberg ins Museum

Die Rezeption der Scherben findet Wolfgang Seidel mitunter kurios: «Die Band ist ja nicht uninteressant. Aber auch nicht so interessant, dass man ein ganzes Museum damit füllen könnte.»

2020 war eine ganze Festival-Woche zum Band-Jubiläum geplant. Und Berlin schenkt Rio Reiser, der am 9. Januar 70 Jahre alt geworden wäre, einen Rio-Reiser-Platz.

Heute kenne jeder die Scherben. «Aber das reduziert sich auf die knackigen Slogans. Da ist weder eine musikalische Kenntnis noch eine Reflexion der Inhalte dabei», so Seidel.

Allerdings fragen sich viele junge Menschen bis heute: «Autos kaufen, Häuser kaufen, Möbel kaufen, Reisen kaufen. Wofür?» Sie fordern ein gerechteres System, streiken fürs Klima oder setzen sich für Diversität ein.

Die Texte der Scherben haben damit auch nach 50 Jahren nichts von ihrer Aktualität und Kraft verloren.

SRF2 Kultur, Kontext, 02.09.2020, 17:58 Uhr.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.