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Altes Instrument, neu entdeckt Die Viola da Gamba gibt wieder den Ton an

Warmer Klang, exzentrische Spielweise: Die Viola da Gamba war das Instrument der absolutistischen Könige – und ging mit ihnen unter. Heute wird das alte Instrument neu interpretiert.

Eine Viola da gamba vor schwarzem Hintergrund.
Legende: Die musikalische Hauptdarstellerin am Hof von Louis XIV.: eine Viola da Gamba aus dem 17. Jahrhundert. Wikimedia / MET

Frankreich, um 1700: Der Hof von Louis XIV. ist in jeglicher Hinsicht prunkvoll ausgestattet. Der Sonnenkönig beschäftigt etliche erstklassige Musiker. Es gibt eigene Abteilungen für die Musik in der Kirche, für die Oper, das Ballett, und für die Kammermusik. In der Kammermusik gibt es eine Hauptdarstellerin: die Viola da Gamba.

Sie hat schmale Schultern und breite Hüften. Ihre Taille ist nicht so exzentrisch zugespitzt wie beim Violoncello, sondern flach und zurückhaltend. Ihr Griffbrett ist breiter und hat Bünde. Und sie hat meist sieben Saiten. Auf ihr kann man Akkorde spielen und rasend schnelle Läufe. Der Virtuosität sind keine Grenzen gesetzt.

Musizieren zur Unterhaltung des Königs

Das weiss auch Louis XIV. Er hat die besten Gambisten der Zeit an seinem Hof: Monsieur Sainte Colombe, Marin Marais, Antoine Forqueray. Sie unterrichten die Adligen bei Hofe im Gambenspiel. Vor allem aber musizieren sie zur Unterhaltung des Königs, seines Hofstaates und um politische Gesandte zu beeindrucken.

Marin Marias mit Gambe.
Legende: Marin Marias – später gespielt von Gérard Depardieu – war einer der wichtigsten Gambenspieler. Imago / Leemage

Wie das ausgesehen haben könnte, weiss seit 1991 ein breites Publikum. Alain Corneaus Film «Tous les Matins du Monde» («Die siebente Saite») macht die Viola da Gamba berühmt: Denn kein Geringerer als Gérard Depardieu spielt den Gambenvirtuosen Marin Marais.

Vertonte Blasensteinoperation

Über 500 Stücke für die Viola da Gamba veröffentlicht Marin Marais zeitlebens. Seine Musik duftet wie Parfüm, sie ist voller Extreme, hat etliche verschiedene Zeichen für komplexe Verzierungen und oft eine programmatische Ausrichtung.

Alle nur erdenklichen Gefühlslagen werden beschrieben, Instrumente nachgeahmt, und sogar medizinische Operationen musikalisch übersetzt: Etwa eine Blasensteinoperation, die damals noch ohne Betäubung durchgeführt wird. Schmerzensschreie: Auch das kann die Viola da Gamba nachahmen.

Für den Salon, nicht für den Saal gemacht

Doch das aristokratische Instrument fällt wie seine adeligen Spieler der französischen Revolution zum Opfer. Stattdessen erobern die Instrumente der Geigenfamilie die Musikwelt – aus politischen Gründen, aber auch aus klanglichen.

Für das Bürgertum entstehen immer grössere Konzertsäle. Die Gambe ist für die Kammermusik, die Musik im Salon und im Zimmer ausgerichtet. Die grossen Säle kann sie klanglich nicht füllen.

Die Geigen, Bratschen und Celli sind lauter, direkter in der Ansprache und auch direkter in den Emotionen. Der atmosphärische Klang der Gamben ist nicht mehr gefragt. Dafür das unmittelbare, direkte Feuer der Geigeninstrumente.

Mit der Alten Musik neu entdeckt

Etwa 200 Jahre hat der Winterschlaf der Viola da Gamba gedauert. Mit der Wiederentdeckung der Alten Musik im 20. Jahrhundert tritt auch die Viola da Gamba wieder zum Vorschein, zunächst aber unter dem Deckmantel eines unterentwickelten Cellos.

Ein Gambenspieler putzt sein Instrument.
Legende: Neue Interpreten verleihen der alten Gambe neuen Glanz: ein Spieler am Lucerne Festival. Keystone

Denn es gibt nur wenige original erhaltene Instrumente. Viele alte Gamben sind zu Celli umgebaut worden. Die Musiker, welche auf alten Abbildungen die Bünde auf dem Griffbrett sehen, halten diese anfangs für hinderlich beim Lagenwechsel. Die Haltung zwischen den Beinen scheint ihnen ungemütlich.

Wiederbelebung mit Schweizer Zutun

Eine fortschrittliche Gambe hatte in der Mitte des 20. Jahrhunderts einen Stachel wie ein modernes Cello. Sogar der Cellist und Alte-Musik-Entdecker Nikolaus Harnoncourt hat einst für kurze Zeit eine solche moderne Gambe mit Cellostachel gespielt.

Der Schweizer August Wenzinger hat viel für die Erforschung der historisch informierten Aufführungspraxis der Viola da Gamba getan. Er war einer der ersten Lehrer an der Basler «Schola Cantorum Basiliensis».

Zu seinen Schülern zählte bald auch der Katalane Jordi Savall – der die Filmmusik zu Corneaus Film «Die siebente Saite» eingespielt und den Depardieus seinen Gambenklang geliehen hat.

Gambenmusik als Pop-Hits

Heute hat die Viola da Gamba weltweit viele Anhänger. Profis wie Amateure schätzen den warmen Klang der Darmsaiten. Die im Vergleich zum Cello einfachere Spielweise und die Möglichkeit, Akkorde zu spielen wie auf einer Gitarre. Das breite Repertoire mit hochvirtuosen Solo-Stücken aus dem Barock und mit meditativer Consort-Musik für mehrere Gamben aus der Zeit der Renaissance.

Der Komponist John Dowland etwa schrieb etliche solcher atmosphärischer Consort-Songs. So zeitlos, dass sie sogar Eingang in die Popmusik gefunden haben: 2006 hat Sänger Sting ihnen ein ganzes Album gewidmet.