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Weshalb Bob Dylan regelmässig seine Fans enttäuscht
Aus Kultur Webvideos vom 23.05.2021.
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Bob Dylan wird 80 Zwischen Hingabe und Hundekot: Wenn Dylan-Forscher durchdrehen

Bob Dylans grosses Werk lädt ein zur Erforschung und Interpretation. Doch manche «Dylanologen» geraten bei der Auseinandersetzung mit ihrem Idol auf Abwege.

«Nein, ich bin kein Dylanologe», sagt Martin Schäfer, der ehemalige Musikchef von DRS 3, der alles über Dylan zu wissen scheint. «Ich bin ein kritischer Fan. So wie es ja auch kritische Fussballfans gibt. Oder von mir aus ‹Dylanianer›».

Denn: Der Ursprung des scheinbar wissenschafltichen Begriffs «Dylanologe» ist mehr als nur fragwürdig. In den 60er-Jahren waren Rockmusiker nicht nur Hitlieferanten, manche wurde geradezu als Heilsbringer angesehen.

Allen voran Robert Allen Zimmerman alias Bob Dylan, einer der wichtigsten Singer und Songwriter der damaligen Zeit.

Mann mit Brille vor einem CD-Regal
Legende: Dylanianer, nicht Dylanologe: Martin Schäfer bezeichnet sich selbst als «kritischen Fan». SRF / E.T. Studhalter

Wühlen im Abfall des Barden

Jedes seiner Stücke wurde zerpflückt, jeder Stil- und Stimmungswechsel stundenlang interpretiert. Alles hatte Bedeutung, selbst sein Abfall.

Als Dylan mit Familie an der MacDougal Street im New Yorker Greenwich Village wohnte, stahl der obsessive Fan Alan J. Weberman zwei Plastiksäcke voll Abfall, um darin (was auch immer) zu lesen.

Weberman war der erste selbsternannte Dylanologe, der sein musikalisches Idol zum wissenschaftlichen Thema machen wollte.

Weberman dachte, er werde unveröffentlichte Songtexte oder dergleichen finden. Überliefert ist allerdings, dass er als erstes in ein Häufchen Hundekot griff.

Dylanologen: gestörte Verehrer?

Genauere Untersuchung des Abfalls förderte immerhin einen angefangenen Brief an Johnny Cash zutage. Der Musiker und der selbsternannte Wissenschaftler haben in der Folge miteinander kommuniziert.

Das endete jedoch im Streit und möglichweise trug Webermans übergriffiges Verhalten zu Dylans Auszug aus New York bei.

Schwarzweissbild von Mann mit Brille
Legende: Der erste Dylanologe: Alan J. Weberman wühlte in Dylans Müll – und fand nicht nur Perlen. Mick Gold / Redferns / GettyImages

Weberman sei ein «gestörter Verehrer», meint Martin Schäfer. Einer, der die Grenzen des Fantums nicht begreife. Sprich, die Dylanologie ist eine Art Wissenschaft, betrieben von einer weltweiten Fan-Gemeinde im Internet; da werde «zum Teil grossartige Arbeit» geleistet, aber eben: nicht nur.

Die unendliche Dylan-Faszination im Internet

Weshalb so viele Menschen gerade bei Dylan hängenbleiben, erklärt Schäfer mit einer besonderen Begabung des Songwriters: «Er ist schliesslich ein grosser Wortkünstler. Darum ist er interessant für alle, die neben der Musik auch auf Texte, Wortspiele, Poesie achten.»

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Das kann manchmal obsessiv werden. Wo man früher zusammensass, sich Dylans neustes Werk am Küchentisch anhörte und dann nächtelang darüber diskutierte, trifft man sich heute auf Foren im Internet und tauscht Gedanken und Theorien zu Dylan aus, mit potenziell weit grösserem Radius.

Schäfers eigene Liebesgeschichte mit dem grossen Barden begann früh, mit den Cover-Versionen von Peter, Paul und Mary, unter anderem «Blowin’ in the Wind», die Schäfer aber langweilig fand.

Mann mit Gitarre vor grossem Publikum
Legende: Gitarre und Mikrofon reichen Bob Dylan, um eine Masse zu begeistern. Hier am Newport Folk Festival in Rhode Island, 1963. Getty Images / Rowland Scherman

Liebe auf den ersten Ton

Die eigentliche Entdeckung Dylans kam auf dem Umweg über das französische Radio, das «N’y pense plus, tout es bien» von Hugues Aufray spielte, die französische Version von «Don't Think Twice, It's All Right». Dies war das erste Stück von Dylan, das Schäfer physisch besass.

Darauf folgte Ende 1964 das Album «The Freewheelin’ Bob Dylan», mit dem er den Musiker mit der eigenwilligen Stimme näher kennenlernte: «Das war quasi Liebe beim ersten Anhören», sagt Schäfer. «Günter Amendt hat von der menschlichsten aller Stimmen gesprochen. Das empfinde ich genauso, bis heute. Ausser in seinen schwächeren Momenten – aber mitunter machen ihn gerade diese auch wieder liebenswert.»

Bob Dylan Birthday Party – Schweizer Stars singen Dylans Lieder

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Anlässlich des 80. Geburtstags des Musikers Bob Dylan am 24. Mai wiederholt die Sternstunde Musik die Sendung Bob Dylan Birthday Party.

Schäfer, der treue Begleiter Dylans

Schäfer ist Dylan bis heute treu geblieben, über unzählige Konzerte und Alben hinweg – gute und schlechte. Dazu gehören auch die Archiv-Aufnahmen Dylans, die in den manchmal etwas ausufernden «Bootleg-Series» nach und nach herauskommen.

«Das ist kostbares Material. Natürlich müssen das nicht alle gehört haben, aber mich interessiert dieses Material. Ich bin kein Sammler, ich möchte einfach alles mal gehört haben, was Dylan offiziell aufgenommen hat. Man könnte ja im digitalen Alter auch all die Konzerte nachhören, aber dazu ist das Leben zu kurz».

Ein Leben lang Dylan. Aber nicht nur: «Hanns Eisler sagte ‹Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts›. Das möchte ich gerne ummünzen», meint Martin Schäfer: «Wer nur von Dylan etwas versteht, versteht auch von ihm nichts.»

Radio SRF 2, Jazz Collection, 18.5.2021, 16:00 Uhr

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1 Kommentar

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  • Kommentar von René Balli  (René Balli)
    Bob Dylan hat nicht umsonst den Nobel Preis für Literatur erhalten, seine Texte sind unerreicht. Oben drauf hat er auch sehr gute Musik geschrieben und aufgenommen. The Freewheelin' Bob Dylan, Bringing it all back home, Blonde on Blonde, Highway 61 revisited und andere sind ganz einfach unglaublich. Ich verneige mich vor Bob Dylan und seiner beispiellosen Karriere. Happy Birthday, Bob!
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