Weshalb geriet Xavier Naidoo in die Kritik? Die Kritik an Naidoo entwickelte sich schrittweise und verdichtete sich über Jahre. Ab etwa 2014 fiel Naidoo zunächst mit politisch aufgeladenen Texten auf, später mit offen geteilten Inhalten aus dem verschwörungsideologischen Milieu. Er sprach von geheimen Eliten, bezeichnete den Holocaust als «gelungene historische Fiktion», bediente antisemitische Codes und griff Narrative aus dem Umfeld von Reichsbürgern und QAnon auf. Während der Corona-Pandemie verbreitete er zudem wissenschaftsfeindliche Positionen. Der öffentliche Kipppunkt kam 2020: Videos, Aussagen und Social-Media-Posts, die kaum mehr als Missverständnisse durchgingen.
Wie reagierten Medien, Veranstalter und Öffentlichkeit darauf? Mit zunehmender Distanz, aber auch klarer Abgrenzung. Der Fernsehsender RTL beendete 2020 die Zusammenarbeit mit Naidoo bei «Deutschland sucht den Superstar», Radiosender nahmen seine Musik aus dem Programm, Konzerte wurden abgesagt. In der Öffentlichkeit verschob sich der Ton, aus Irritation wurde Ablehnung. Naidoo galt nicht mehr als umstritten, sondern als kaum noch tragbar.
Wie und wann distanzierte sich Naidoo von seinen früheren Positionen? 2022 veröffentlichte Naidoo ein gut dreiminütiges Video, das von vielen als Wendepunkt gelesen wurde. Darin distanzierte er sich von Verschwörungstheorien, sprach von Irrwegen und davon, sich «verrannt» zu haben. Zugleich bat er um Entschuldigung – ausdrücklich auch bei jüdischen Menschen – und betonte, Nationalismus, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus seien mit seinen Werten nicht vereinbar. Es war eine Reue: ohne Pathos, ohne Selbstrechtfertigung, aber auch ohne detaillierte Aufarbeitung. Glaubwürdig für die einen, taktisch für andere.
Was ist seither passiert? Musikalisch blieb es lange still. Auch die aktuelle Tour speist sich vor allem aus dem alten Werk. Naidoo schlägt damit kein neues künstlerisches Kapitel auf, sondern wagt vielmehr den Versuch eines Neustarts. Die «Welt» spricht sarkastisch von einem «Resozialisierungsprogramm» – hart formuliert, aber nicht ganz unzutreffend: Es ist ein Testlauf in der Öffentlichkeit.
Wie kommt das Comeback an? Im Juli 2025 kündigte Naidoo seine Tour an. Kritiker sahen darin eine marktgetriebene Rückkehr. Jüdische Organisationen forderten Konzertabsagen, während der Veranstalter auf Naidoos Entschuldigung verwies. Andere sahen genau darin das Problem: die schnelle Rückkehr ohne gründliche Aufarbeitung. Mit zwei Konzerten am 16. und 17. Dezember 2025 in Köln startete Naidoo sein Comeback. Laut Angaben der Veranstalter waren die Shows ausverkauft. «Der Spiegel» nannte den Abend «routiniert und rätselhaft zugleich». Naidoo selbst sagte immer wieder zum Publikum: Er sei nur «wegen euch» zurück. Am 6. Januar performt er im Zürcher Hallenstadion.
Und jetzt? Die alte Frage flammt neu auf: Kann man Kunst von der Person trennen? Oder präziser: Ab welchem Punkt wird diese Trennung selbst bequem? Xavier Naidoos Comeback ist weniger ein musikalisches Ereignis als ein gesellschaftlicher Stresstest. Er zwingt uns, über Vergebung nachzudenken – und darüber, wie viel Vergangenheit eine Bühne aushält. Das letzte Wort hat nicht er. Sondern das Publikum.