1.6 Millionen Vinyl-Schallplatten von Taylor Swifts «The Life of a Showgirl» gingen 2025 über den Ladentisch. Swift führte damit die LP-Charts an – und trug dazu bei, dass die US-Vinylverkäufe erstmals seit 1983 die Marke von einer Milliarde Dollar überstiegen.
In der Schweiz steigen die Verkäufe zwar nicht, aber sie stagnieren immerhin bei 4.3 Millionen Franken, rund 1.7 Prozent des gesamten Schweizer Musikumsatzes 2024. Verschwindend klein also, aber trotzdem ein Achtungserfolg – vor allem im Vergleich zur CD, deren Absatz um weitere 25 Prozent eingebrochen ist.
Die junge Lust am Analogen
Vinyl ist längst nicht nur Nostalgie für Ältere. Auch viele junge Menschen schätzen das Haptische, die Grafik und das kleine Ritual beim Auflegen und Hören. Dieses Gefühl von Wärme und Ruhe hat aber nicht nur mit dem Objekt zu tun, sondern auch mit dem Klang.
Da ist zuerst das Knistern, wenn die Nadel aufsetzt. Dann dieses feine, physische Entstehen des Tons – Reibung, die zu Musik wird. Wird das Signal verstärkt, entsteht ein Klang, den viele als lebendiger empfinden. Für Liebhaberinnen und Liebhaber klingt ein Stück ab Vinyl oft natürlicher als über jedes noch so hochaufgelöste Digitalformat.
Der Kampf um Aufmerksamkeit
Vinyl wirkt oft entspannter, wärmer und transparenter. Digitale Formate wie MP3 oder Wave-Dateien könnten theoretisch genauso klingen. Doch Musik, die für digitale Plattformen und Streamingdienste aufbereitet wird, wird aber oft mit kräftigen Bässen, brillanten Höhen und viel Kompression versehen. Der Sound wird dichter – ein Effekt, der moderne Produktionen durchsetzungsfähiger macht.
-
Bild 1 von 3. Kultobjekt Schallplatte: Hier lohnen sich Hinhören, Anfühlen – und auch das genaue Hinsehen: Unter die Lupe genommen, offenbart die Vinylplatte ihre Feinheiten. Bildquelle: IMAGO/Depositphotos.
-
Bild 2 von 3. Unter dem Mikroskop kommen die Windungen der Rille einer Schallplatte Gebirgsstrukturen gleich. Der Verlauf der Rille entspricht der Schallschwingung des gespeicherten Signals. Bildquelle: Wikimedia Commons/Serych.
-
Bild 3 von 3. Ein Blick durchs Rasterelektronenmikroskop: Die Rille einer modernen Langspielplatte ist etwa 40 Mikrometer breit – das entspricht der Breite eines feinen menschlichen Haars. Bildquelle: Wikimedia Commons/Kkap.
Auf Streaming-Plattformen und im Radio muss ein Song sofort wirken: laut, präsent, bassig. So entstand der «Loudness War». Doch dieser Wettbewerb hat Folgen: Feinheiten verschwinden, der Klang wirkt anstrengend. Viele ältere Hörer empfinden moderne Musik nicht zuletzt deshalb als aufdringlich.
Wenn Musik atmen darf
Beim Schneiden einer Schallplattenrille gibt es Grenzen. Zu viel Lautstärke oder Bass bringt die Nadel aus dem Tritt – im Extremfall springt sie sogar. Vinyl zwingt Musik deshalb zu etwas Zurückhaltung. Und genau diese Zurückhaltung wirkt für viele Ohren überraschend angenehm.
-
Bild 1 von 4. Sie dreht und dreht sich: Die Schallplatte behauptet sich und bricht gerade wieder Verkaufsrekorde. Bildquelle: Getty Images/Matt Cardy .
-
Bild 2 von 4. Ihr haftet dabei das wohlige Image des Nostalgischen an – an Zeiten vor CDs und Streams. (Aufnahme 1965). Bildquelle: Getty Images/Dennis Hallinan.
-
Bild 3 von 4. Das Auf- und Absetzen des Abnehmers löst bei Vinyl-Enthusiasten Glücksgefühle aus. Bildquelle: Depositphotos/Digicomphoto.
-
Bild 4 von 4. Die Schallplatte ist und bleibt also, auch abseits der Wohnstuben (wie hier in Lyss BE) – eine runde Sache. Bildquelle: Keystone/Peter Klaunzer.
In einer Zeit, in der Menschen medial von allen Seiten überflutet und beschallt werden, können Vinylplatten fast schon eine therapeutische Wirkung haben. Es überrascht deshalb kaum, dass auch viele junge Menschen, die der digitalen Welt noch weitaus stärker ausgesetzt sind, diese entschleunigte und beruhigende Art des Musikhörens plötzlich für sich entdecken.
Vinyl verleiht dazu, die Ohren zu spitzen und präsent zu sein. Bei meinem Plattenspieler muss ich am Ende sogar die Nadel von Hand anheben – ein kleiner Moment, der zusätzlich verstärkt, wie bewusst und handfest diese Art des Hörens sein kann.