Esther Bejarano Die Holocaust-Überlebende mit der Hip-Hop-Band

Esther Bejarano ist die letzte Überlebende des «Mädchenorchesters» von Auschwitz. Musik hat ihr das Leben gerettet – ihren Alltag bestimmt sie bis heute.

Porträt der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wider das Vergessen: Seit 2004 spricht Esther Bejarano öffentlich über ihr Leben unter dem Hakenkreuz. Getty Images

Sanft wippt die kleine, weisshaarige Frau im Takt, wenn sie auf der Bühne steht. Der heimliche Star der «Microphone Mafia» misst nur etwas mehr als 1.50 Meter gross. Deswegen kam Esther Bejarano zu ihrem Spitznamen «Krümel», den sie schon in Auschwitz trug.

Im April 1943 hatten die Nazis sie ins grösste Arbeits- und Vernichtungslager deportiert. «Dort mussten wir Steine schleppen», erzählt die Saarländerin, die 1924 zur Welt kam. Als die SS ein «Mädchenorchester» zusammenstellen liess, meldete sie sich als Akkordeonistin – ohne das Instrument je gespielt zu haben.

Begleitmelodie zum Völkermord

«Ich hatte Glück, dass mich die Dirigentin trotzdem aufnahm. Sie spürte, dass ich sehr musikalisch bin», erinnert sich die Zeitzeugin, deren Vater als Oberkantor grossen Wert auf musikalische Bildung legte. «Hätte ich noch länger Steine schleppen müssen, wäre ich zugrunde gegangen».

Esther Bejarano in ihrer Hamburger Wohnung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Ort des Erinnerns: Esther Bejarano in ihrer Hamburger Wohnung. SRF

Wenn die Häftlinge durchs Lagertor zur Arbeit marschierten, mussten die jungen Frauen Märsche und Schlager intonieren. Musik war die Begleitmelodie zum Völkermord. Der Gedanke macht Esther Bejarano schwer zu schaffen.

«Die Opfer wurden getäuscht. Sie dachten, wo man musiziert, kann es doch nicht so schlimm sein. Aber alle mussten sie ins Gas.» Sie selber hat dank ihrer Musikalität die Hölle überlebt. Musik bezeichnet sie als tägliche Kraftquelle und Therapie, um das Grauen von damals zu «verarbeiten».

Kein Tag ohne Trauer

Im Frühling 1945 war es Esther Bejarano während eines Todesmarsches gelungen, vor der SS zu flüchten. In einer ostdeutschen Kleinstadt wurde sie von amerikanischen Soldaten aufgegriffen. Die Eltern, ihre Schwester Ruth und ein Schwager waren von den Nazis umgebracht worden.

Auf Fotos blicken sie uns in der Hamburger Wohnung entgegen. «Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht um sie trauere.» Leider trage auch die Schweiz eine Mitschuld. Die eidgenössischen Behörden hatten Ruth und ihren jüdischen Ehemann ausgewiesen. Später wurde das Paar in der Nähe der Grenze bei Basel erschossen.

«Erklären, was damals geschah»

Seit 2004 spricht Esther Bejarano öffentlich über ihr Leben unter dem Hakenkreuz, hält Vorträge an Schulen. In jenem Jahr beobachtete sie, wie Neonazis in Hamburg Propaganda betrieben.

Die Überlebende von Auschwitz ist alarmiert. Rechtsextreme und menschenverachtende Parteien seien in Deutschland und Europa wieder auf dem Vormarsch. «Deshalb müssen wir den Menschen zeigen und erklären, was damals geschah».

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Schatten der Shoa

Die eigenen Erfahrungen haben sie politisiert und für das Schicksal von Flüchtlingen sensibilisiert. Von der Europäischen Union fordert Bejarano eine solidarischere Asylpolitik.

Singen für Zivilcourage

Landauf landab tourt sie mit der «Microphone Mafia» durch Deutschland. Es ist eine der aussergewöhnlichsten Rap-Bands. Neben Esther Bejarano alias «Krümel» sind dies ihr Sohn Yoram am Bass und die beiden Musiker Kutlu, ein türkischstämmiger Kölner, und Rossi, der Italiener. Auf Jiddisch, Italienisch, Türkisch, Englisch und Deutsch singen sie gegen das Vergessen und für Zivilcourage.

Sie hoffe, sagt Esther Bejarano, dass es eines Tages keine Nazis mehr gebe und die Menschen vernünftig werden. Auch im hohen Alter will sie weitermachen. «Ich darf einfach nicht müde werden. Die positiven Begegnungen mit dem Publikum und den Jugendlichen geben mir Kraft.»

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