Ein Musik-Archäologe hat Geschichten schwarzer Musik ausgegraben

Es gab noch kein Fernsehen vor hundert Jahren, noch nicht einmal Radio. Ton aufnehmen aber konnte man, etwa auf Phonographen-Walzen. Eine unglaubliche Sammlung solcher früher Aufnahmen findet sich in «Black-Europe»: Der Abschluss eines Lebenswerks – und der Anfang einer neuen Geschichtsschreibung.

«Black-Europe», das ist die Geschichte von Schwarzen um 1900 in Bild und Ton – aus Europa. Denn in Amerika sahen damals die allermeisten Dunkelhäutigen aus rassistischen Gründen nie ein Aufnahmestudio von innen. In Europa schon: Dort wurden Hunderte von Aufnahmen mit Schwarzen gemacht, die meistens auf der Durchreise waren.

Kaiser Wilhelm II. besichtigt 1909 eine Gruppe Äthiopier bei einer Völkerschau im Tierpark Hagenbeck. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kaiser Wilhelm II. besichtigt 1909 eine Gruppe Äthiopier bei einer Völkerschau im Tierpark Hagenbeck. Deutsches Bundesarchiv

Aus wie vielen verschiedenen Gründen Schwarze durch Europa reisten, das wird einem erst klar, wenn man die beiden Bildbände der «Black-Europe»-Box durchblättert. Klar, einige waren Teil einer Völkerschau, wie man sie von Bildern um 1900 kennt. Andere aber waren zum Beispiel mit einer Revue vom Broadway nach London gekommen. Und geblieben, als der Vertrag auslief, und mit einer eigenen Show weitergezogen. Wieder anderen war schon über den Atlantik ein Ruf als exzellente Musiker vorausgeeilt. Und weil die Auftrittsmöglichkeiten in den Vereinigten Staaten oft zu wünschen übrig liessen, nahmen sie Einladungen noch so gerne an.

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Der Mandolinen-Virtuose Silas Seth Weeks zum Beispiel. Weeks nahm gleich die ganze Familie mit, als er 1900 nach London reiste, wo er zu einem Wettbewerb eingeladen worden war. Und dank einer Musikzeitschrift war er schon vor seiner Ankunft so bekannt, dass er noch vor dem Wettbewerb gleich zu Aufnahmen gebeten wurde. Oder der Sänger und Mundharmonika-Spieler Pete Hampton. Hampton kam mit der ersten schwarzen Revue-Show «In Dahomey» von New York nach London und formierte dann mit seiner Partnerin und späteren Frau Laura Bowman ein überaus erfolgreiches Duo, mit dem er durch ganz Europa tourte.

Ein verrücktes Lebenswerk

Warum aber ist diese Schatztruhe erst jetzt gehoben worden, warum kommen diese Aufnahmen erst jetzt ans Licht? Nun, zum einen waren die meisten Phonographen-Walzen oder andere frühe Tonträger verschollen. Irgendwo in einem Schrank in einem Haus eines ehemaligen Grosswildjägers, das zum Museum umfunktioniert wurde. Oder irgendwo auf dem Speicher einer ehemaligen Mission.

Die Schätze mussten also zunächst zusammengesucht werden. Dieser Aufgabe angenommen hat sich Rainer Lotz. Auf seinen Reisen als Ingenieur um die ganze Welt hat er sein ganzes Leben lang nach den verschollenen Schätzen gesucht. Dann mussten die vielen hundert Tonträger aber auch aufwendig restauriert werden, damit man sich die Aufnahmen überhaupt noch anhören konnte. Und es musste ein Verlag gefunden werden, der verrückt genug war, ein solches Riesenwerk zu veröffentlichen.

Die Firma, die sich das angetan hat, ist über dem Projekt beinahe pleite gegangen. Und noch immer ist die Finanzierung nicht gesichert, solange die bescheidene Auflage von fünfhundert Exemplaren nicht verkauft ist. Dass die Geschichte damit aber erst angefangen hat, das ist für den Afrika-Historiker Veit Arlt klar: Für ihn ist die «Black-Europe»-Box ein Sammelsurium von unschätzbarem Wert, das es jetzt zu erforschen gilt.

Der Schluss ist der Anfang

Und auch für den Musik-Archäologen Rainer Lotz ist klar: Es gibt mehr als genug Aufnahmen auf seinen 44 CDs, die dazu führen müssen, dass wenigstens gewisse Teile der Blues- und Jazzgeschichte neu geschrieben werden. Was zum Beispiel Pete Hampton auf seiner Mundharmonika macht, die er zum Teil mit der Nase spielt, das nimmt Dinge vorweg, die erst viele Jahre später wieder im alten Blues zu finden sind.

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