Komponist Philip Glass wird 80 Ein Musiker der radikalen Sorte

Der Minimal-Komponist Philip Glass wird 80. Ein Blick zurück auf sein radikalstes Experiment: «Koyaanisquatsi».

Ein Porträt von Philip Glass. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Philip Glass komponiert und reist immer noch viel: Hier besucht er das Konzerthaus Sumida Triphony in Tokio, Japan. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Musik zu «Koyaanisquatsi» (1982) von Philip Glass schrieb Filmgeschichte. Der Film begeisterte eine Generation.
  • Die Minimal-Musik von Glass passt auch zu Horrorstreifen, Literaturverfilmungen oder Sci-Fi-Filmen.
  • Der 80-jährige US-Amerikaner wurde von Barack Obama persönlich für seine Arbeit geehrt.

Eine Orgel. Tiefe Lage. Eine Tonfolge wiederholt sich wieder und wieder. Darüber raunen Männerstimmen ein rätselhaftes Wort: «Koyaanisquatsi».

Dazu sehen wir prähistorische Felsmalereien – bildfüllend. Dann Schnitt, und eine Weltraumrakete löst sich in Zeitlupe von ihrer irdischen Halterung.

Flammen schieben das tonnenschwere Gerät langsam in die Höhe. Die Musik bleibt sich gleich. Unerschütterlich. Das wirkt. Das suggeriert Grösse, Kraft, Überzeitlichkeit. Der Bildschnitt springt von der Kunst unserer Urahnen ins Weltraumzeitalter, von tiefer Erdverbundenheit zum Griff des Menschen nach den Sternen. Think big!

Gute Musik, schlechter Film

Philip Glass ist ein gefragter Filmmusiker in Hollywood. Die Strukturen der von ihm massgeblich geprägten Minimal-Music eignen sich für Filme besonders gut. Sie sind unaufdringlich, in ihrer zeitlichen Ausdehnung äusserst flexibel und ziehen doch immer vorwärts, in unterschiedlichem Tempo.

Philip Glass wird von Barack Obama mit der "National Medal of Arts" ausgezeichnet. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Philip Glass wird im September 2016 von Barack Obama mit der «National Medal of Arts» ausgezeichnet. imago/UPI Photo

Vielleicht war die letzte Produktion, an der Glass als Musiker mitwirkte, nicht die Gelungenste. Die Comic-Verfilmung «Fantastic Four» jedenfalls erhielt mehrere Goldene Himbeeren: für die schlechteste Regie, das schlechteste Drehbuch, die schlechtesten Darsteller... nicht jedoch für die Musik.

Auch zur oscarnominierten Virginia Woolf-Verfilmung «The Hours» schrieb Glass die Musik. Für Peter Weirs' «Truman Show», für eine «Dracula»-Verfilmung oder für Martin Scorseses raunendes Tibet-Drama «Kundun», dem ein deutscher Filmwissenschaftler einen «selten ingeniösen Soundtrack» attestierte.

Ein Film ohne Dialog

Ingeniös vielleicht nicht, aber in seiner Radikalität einzigartig ist, was Phil Glass zusammen mit dem sozial engagierten Regisseur Godfrey Reggio 1983 dem staunenden Kinopublikum vorführte.

Langzeitbelichtung: Lichtspuren von Autos auf einer nächtlichen Strasse Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Tempo der zivilen Welt: Szene aus «Koyaanisqatsi». Metro-Goldwyn-Mayer

«Koyaanisquatsi», ein Film ohne jeden Dialog, ohne handelnde Personen. Dafür mit Wolken, die sich in Zeitlupe über Gebirgen verschieben.

Mit gewaltigen Aufnahmen vom Meer, von der Wüste, aber auch von unendlichen Menschenmengen in einer amerikanischen Grossstadt, von Autos, die wie Kinderspielzeug über Autobahnen huschen.

Und schliesslich, am Ende der 90 Minuten, noch einmal von einer Weltraumrakete, die allerdings auf ihrem Flug ins All explodiert und somit zum Mahnmal für die menschliche Hybris wird.

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Philip Glass in der Schweiz

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Wie Zigaretten auf dem Pausenhof

«Koyaanisquatsi» hat meine Generation begeistert. Traf voll den Nerv einer ökologisch denkenden und sozialkritisch sich gebärdenden Jugend.

Die Zusammensetzung des Films funktionierte und wirkte wie die ersten Lungenzüge aus unseren Zigaretten auf dem Pausenhof. Da waren die monumentalen Bilder von Bergen, Wolken, Menschenansammlungen, Autos – mal überzeitlich gedehnt, mal aus der Fernperspektive eines Gottes. Schwindelerregend.

Und da war die Musik eines Philip Glass, die all dem in bester Weise sekundiert. Die sich ins Monumentale aufblähte, die dem Wuseln mit kleinsten, schnellen Notenwerten zudiente.

Mit leichtem Beigeschmack

Eine Musik, die einen an starker Hand durch Reggios fortschrittskritischer Fantasie führte über die Zerstörungswut der Menschen («Koyaanisquatsi» bedeutet auf Hopi ungefähr «Leben aus dem Gleichgewicht»).

Eine Musik aber auch, die in ganz ähnlicher Art für einen Horrorstreifen, eine Literaturverfilmung oder einen Sci-Fi-Flop passte. Universale Musik eben. Mit leichtem Beigeschmack.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 31.1.2017, 9:02 Uhr.

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