Popmusik und Hip-Hop sind heute oft elektronisch. Um diese Musik zu produzieren, braucht es weder eine Band noch ein professionelles Studio – mit ein paar Klicks lassen sich Beats bauen, Samples verschieben und ganze Songs komponieren.
Dieses sogenannte Producing, also das digitale Herstellen und Arrangieren von Musik, begeistert immer mehr Jugendliche: «Ab 12 Jahren haben viele Jugendliche quasi ein Producing-Studio in der Hosentasche», erzählt Marc Scheidegger, Instrumentallehrer an der Musikschule Region Sursee.
Zusammen mit Matthias Droll hat Marc Scheidegger dort das Fach «Elektronische Musik/Producing» aufgebaut. Seine E-Gitarren-Schülerinnen und -Schüler sind auf ihn zugekommen, sie wollten das Producing-Handwerk lernen. Weil Effekte, Klangverzerrungen und Loops bei elektronischen Instrumenten bereits zum Einsatz kommen, ist der Schritt dazu nicht mehr weit.
Schülerinnen und Schüler sind jünger
An der Musikschule Basel unterrichtet Musiker, Audiodesigner und Produzent Tomek Kolczyński das Fach «Producing», welches dort seit 2003 besteht. Ihm fällt auf, dass die Schülerinnen und Schüler dieses Angebots heute jünger sind als früher.
Ausserdem kommen sie heute aus der direkten Umgebung: «In den Nullerjahren – damals hiess das Fach «Musik und Computer» – kamen einige Schülerinnen und Schüler aus ländlichen Gebieten und Kleinstädten für dieses Angebot an die Musikschule Basel».
Ein Blick auf Musikangebote heute zeigt: Gerade in ländlichen Regionen und Kleinstädten nehmen Fächer rund um elektronische Musikproduktion zu. So gibt es neuere Angebote an der Musikschule Bantiger in Bern, an der Musikschule Rapperswil oder auch an der Musikschule Chur sowie derjenigen in Zug – in Beatmaking, Producing und auch DJing.
Technik für die Massen
Elektronische Musikproduktion verbreitete sich bereits in den 1980er-Jahren mit Techno und digitalen Synthesizern. Das erste elektronische Studio an einer Schweizer Ausbildungsinstitution entstand 1975 mit dem Elektronischen Studio Basel. Doch nur wenige hatten damals Zugang zu dieser teuren Technologie.
So richtig Schwung bekam das Producing‑Handwerk mit dem Digitalisierungsschub der Nullerjahre und dem Aufkommen der sogenannten digitalen Audio‑Workstations. Hierzu gehören Softwares wie «Ableton», «Pro Tools» oder «Cubase» – mit ihnen kann man analoge Instrumente einspielen, mit vorhandenen Samples arbeiten oder selbst elektronische Klänge erzeugen. Zu Hause, am eigenen Laptop.
Von DIY zur Musikschule
Beats schichten, bis ein Groove entsteht, ein packendes Intro gestalten, verschiedene Tonspuren zusammenmixen: Junge Menschen bringen sich solche Skills meist selbst bei, durch ausprobieren oder über Online-Tutorials. Doch dann kommt irgendwann ein Punkt, an dem man alleine nicht weiterkommt – genau da setzen die Musikschulen an und gehen mit der Zeit.
Producing wird damit erwachsen und zu dem, was es in der Praxis schon seit Jahrzehnten ist: ein Instrument auf Augenhöhe mit Klassikern wie Flöte, Geige oder Gitarre.