Ruhe. Das empfindet Manoush Toth, wenn sie am Klavier sitzt und wenn alles stimmt. Diese Ruhe breitet sich in ihr aus, bevor sie zu spielen beginnt, sagt sie, wenn sie ihre Finger auf die Tasten legt, der Dirigent den Taktstock hebt und die ersten Orchestertöne erklingen: «Es ist ein magisches Gefühl».
Bald erlebt sie diesen Augenblick ein nächstes Mal, und Hunderttausende werden ihr dabei zuschauen: diesen Samstagabend beim TV-Finale des «Eurovision Young Musicians» in Eriwan. Die armenische Hauptstadt ist gerade besonders lebendig – am Tag nach der Show sind Parlamentswahlen. Überall hängen Wahlplakate, wegen Kundgebungen sind immer wieder die Strassen abgesperrt.
-
Bild 1 von 5. Manoush Toth bei der ersten Probe mit dem Armenian Philharmonic Orchestra. Einige akustische Fragen sind noch zu klären: Im dritten Satz von Clara Schumanns Klavierkonzert muss sie die Bläser, mit denen sie als Solistin in den Dialog geht, besser hören können. Bildquelle: SRF/Theresa Beyer.
-
Bild 2 von 5. Die Schweizer Delegation vor einem Wandbild auf dem Campus des armenischen öffentlichen Rundfunks. Manoush Toth wird begleitet von ihrem Vater (3. v. r.), der Head of Delegation Theresa Beyer (2. v. r.), einem SRF-Kamerateam um die Regisseurin Barbara Seiler (1. v. l.) und den zwei armenischen Hosts, die sich vor Ort engagiert um alles kümmern. Bildquelle: SRF/Theresa Beyer.
-
Bild 3 von 5. Nach der ersten Orchesterprobe zieht Manoush Toth Bilanz – im Gespräch mit dem armenischen Fernsehen. Das SRF-Kamerateam nutzt gleich die Gelegenheit und filmt mit, eine Szene für den Dokfilm, der Manoush Toths Reise von der Vorauswahl bis zum Finale erzählt. Bildquelle: SRF/Theresa Beyer.
-
Bild 4 von 5. Am Tag nach dem Finale von Eurovision Young Musicians wird in Armenien ein neues Parlament gewählt. In der Einkaufsstrasse, die zum Opernhaus führt, wirbt die Partei «Starkes Armenien». Sie will das Land wieder enger an Russland binden und ist einer der Herausforderer des amtierenden Präsidenten Nikol Paschinjan, der eher die Nähe zur EU sucht. Bildquelle: SRF/Theresa Beyer.
-
Bild 5 von 5. «Klassenfahrt» zum Tempel von Garni: Die elf Kandidatinnen und Kandidaten kommen aus Armenien, Belgien, Deutschland, Polen, Portugal, Lettland, der Tschechischen Republik, Schweden, Serbien, Zypern und natürlich aus der Schweiz. Sie hören zu, was der armenische Sänger und Schauspieler Arsen Grigorjan über armenische Musik erzählt. Bildquelle: SRF/Theresa Beyer.
Zwischen Tasten und Terminen
Ihre Ruhe vom Trubel sucht Manoush Toth im Opernhaus, dem Dreh- und Angelpunkt der dichten Finalwoche. Und weil ein Konzertflügel nun mal nicht ins Handgepäck passt, kennt sie in diesem imposanten Sowjetbau inzwischen jedes Zimmer, in dem ein Klavier zu finden ist. Üben, das macht Manoush Toth viele Stunden am Tag. Das muss sie, das will sie auch.
Sie spielt sich ein vor den Proben mit dem Orchester und den Durchläufen für die Show, sie bespricht sich mit dem Dirigenten und feilt an den anspruchsvollen Sprüngen und Läufen ihres Wettbewerbsstücks, dem Klavierkonzert von Clara Schumann. «Es gibt aber auch ein Leben ausserhalb des Übungsraums», sagt Manoush Toth. «Die Tage hier sind mental kräftezehrend. Daher geniesse ich die Begegnungen mit den anderen Teilnehmenden.»
Wie beim ESC kommen diese auch beim EYM aus verschiedenen Ländern, elf sind es insgesamt. Sie spielen ganz unterschiedliche Instrumente, vom Akkordeon über die Marimba bis zur Flöte. Und sie alle stehen am Beginn einer internationalen Karriere.
Ein eigenständiger Weg zur Pianistin
Musik ist eine Sprache, so heisst es. Bei Manoush Toth ist es quasi die Muttersprache. Denn bereits mit zwei, als sie anfing zu sprechen, hat sie angefangen, Geige zu spielen. Die ersten Lebensjahre verbrachte sie auf den Kanarischen Inseln. Sie lebte mit ihrer Familie zeitweise im VW-Bus, später im Berner Oberland. «Paradiesisch war das», erinnert sie sich. «Meine drei Geschwister und ich sind stundenlang durch die Natur gestreift und hatten viel Zeit für die Musik».
Als sie acht Jahre alt war, rettete ihr Vater ein altes Klavier vom Sperrmüll und spielte darauf einen Boogie-Woogie. Das war die Initialzündung: Seitdem sei Klavierspielen das Schönste für sie. «Es war damals ein permanentes Ausprobieren, Erfinden und Erfahren. Als Kind musste mich niemand ermahnen, mehr zu üben. Eher war es schwierig, mich vom Klavier wegzubringen.»
Das Klavier wurde zu Manoush Toths Zentrum: Mit 16 kommt das Klavierstudium an der Basler Hochschule, jetzt, frisch 20 geworden, ist sie schon im Master. Vor drei Monaten bei der SRF-Vorauswahl zum EYM war sich die Jury einig: «Manoush Toth kann das Klavier singen lassen und ist eine kompromisslose Künstlerinnenpersönlichkeit». Ob diese kompromisslose Musikalität auch die Jury in Eriwan überzeugt? Manoush jedenfalls bleibt cool: «Ich gehe, um zu gewinnen, aber mir geht es nicht ums Gewinnen.»