Im Dezember sorgte ein Blogeintrag von Anna's Archive wahrscheinlich für kurzzeitige Panik bei Spotify: Die Gruppe behauptet, 99.9 Prozent der gesamten Spotify-Bibliothek kopiert zu haben. Spotify bestätigte den Vorfall, flickte das Datenleck im Eiltempo, erwirkte Mitte Januar in den USA eine einstweilige Verfügung gegen Anna’s Archive – begleitet von einer Klage über 13 Billionen Dollar.
Seitdem ist es Anna's Archive offiziell untersagt, urheberrechtlich geschützte Inhalte zu hosten oder zu verbreiten. Doch trotz Gerichtsbeschluss und Billionen-Klage sind vor wenigen Tagen Torrents zu Spotify-Daten im Netz aufgetaucht.
Was ist Anna's Archive?
Anna's Archive stammt aus dem Dunstkreis von Z-Library, einer digitalen Plattform, die 2022 von der US-Strafverfolgungsbehörde geschlossen wurde. Z-Library war eine Schattenbibliothek, also ein Online-Archiv, das urheberrechtlich geschützte Bücher und Texte ohne Zustimmung der Rechteinhaber frei zugänglich macht. Anna's Archive knöpft sich nun die Musik vor – das Team dahinter bleibt anonym.
Anna's Archive definiert sich selbst als die «grösste, wirklich offene Bibliothek in der Geschichte». Die Gruppe argumentiert, dass dank ihres Archivs Musik langfristig erhalten bleibe. Tatsächlich dürfte es eher darum gehen, die Kontrolle der Musikindustrie über deren Inhalte in Frage zu stellen und zu umgehen.
Heikel für Spotify
Ein Grossteil von Musikstücken ist urheberrechtlich geschützt und darf in den meisten Ländern nicht frei verbreitet werden. Anna’s Archive agiert ohne Zustimmung von Spotify, Labels oder Musikschaffenden, weist den Vorwurf der Illegalität aber zurück. Die Plattform argumentiert, sie hoste die Dateien nicht selbst, sondern verweise lediglich wie eine Suchmaschine auf externe Quellen und könne deshalb nicht für das Herunterladen geschützter Werke haftbar gemacht werden.
Für Spotify ist der Vorfall heikel. Das Geschäftsmodell des Streaminganbieters basiert darauf, dass Musik kontrolliert genutzt wird und Einnahmen an die Musikbranche zurückfliessen. Als Spotify 2008 online ging, sollte der Dienst eine legale Alternative zur damals verbreiteten digitalen Musikpiraterie bieten. Nun sieht sich das Unternehmen ausgerechnet mit dem Problem konfrontiert, das es einst zu lösen versprach.
Eine Exempel statuieren
Aktuell haben Anna's Archive erst einen Teil der insgesamt 300 Terabyte an kopierten Spotify-Daten veröffentlicht. Im Internetforum Reddit wird über die tatsächliche Menge spekuliert. Weitere Leaks könnten folgen. Zwar hat Anna's Archive nach der richterlichen Verfügung Domains eingebüsst, bleibt aber über alternative Länderendungen weiterhin erreichbar.
Sollte Anna’s Archive dauerhaft online bleiben und Hörerinnen vermehrt von Spotify zur «Gratis-Bibliothek» abwandern, könnte dies erhebliche Folgen für die Rolle der Plattformen haben – und für die Vergütung von Musikschaffenden.
Andererseits ist es zweifelhaft, ob wirklich eine Massenabwanderung passieren wird. Denn: Spotify ist äusserst praktisch und legal. Nichtsdestotrotz wird der Streaminganbieter hier ein Exempel statuieren wollen und mit voller Härte gegen Anna's Archive vorgehen. Ein erster Vorgeschmack darauf ist die eingereichte Klage über die astronomische Summe von 18 Billionen Dollar.