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Hype um Rock-Phänomen Mittelfinger gegen KI-Musik: Angine de Poitrine erobern das Netz

Die Musik des kanadischen Duos Angine de Poitrine passt in kein Raster. Kein Wunder: Sie stammt von Ausserirdischen!

Sie tragen schwarz-weiss gepunktete übergrosse Kostüme, ihre Musik ist ein komplexes Gitarren-Gedudel, unterlegt von wilden Schlagzeug-Grooves: Die Band Angine de Poitrine ist das Internet-Rock-Phänomen der Stunde.

Nach seiner Aussage stammt das Rock-Duo aus dem Weltall: Sie seien zwei Raumzeit-Reisende und schon 333 Jahre alt. In Tat und Wahrheit stammen Angine de Poitrine aus Québec, Kanada. Wer sich allerdings unter den Kostümen verbirgt, ist nicht bekannt.

Virale Verbreitung

Ihren Namen entlehnt das Duo aus der Medizin. «Angine de Poitrine» ist die französische Bezeichnung für angina pectoris, anfallartig auftretende Brustschmerzen. Die Musik von Angine de Poitrine klingt jedoch weniger nach Druck auf der Brust als vielmehr nach Druck nach vorne: Sie hat eine starke Sogwirkung.

Dieses Konzept hat Erfolg: Der internationale Durchbruch gelang dem Duo kurz vor der Veröffentlichung seines zweiten Albums «Vol. II», als der US-Radiosender KEXP im Februar einen Live-Mitschnitt veröffentlichte.

Seither finden sich unzählige Reaktionen im Netz. Von der eingehenden musiktheoretischen Untersuchung bis hin zum Do-It-Yourself-Tutorial, um diese Musik nachzuspielen.

Musiktraditionen unterwandern

Es fällt schwer, die Musik von Angine de Poitrine in ein bestehendes Raster einzuordnen. Die Band bedient sich stark am Math Rock, einer Musikrichtung, die aus dem Progressive Rock und dem Heavy Metal entstanden ist. Vom Math Rock übernimmt sie die komplexen Rhythmen und Songstrukturen.

Durch die westliche Musiktradition sind sich Hörerinnen und Hörer an gerade Takteinheiten und Rhythmen gewohnt, die sich durch vier oder acht teilen lassen. Angine de Poitrine organisieren ihren Rhythmus aber gerne mal mittels fünf oder sieben Takteinheiten.

Winzige Tonschritte

Aber auch die Melodielinien von Angine de Poitrine sind aussergewöhnlich. Sie spielen nämlich am Ton vorbei. In der Musiktheorie nennt sich das Mikrotonalität. Dies bedeutet, dass die Tonschritte kleiner sind als gewohnt.

Mikrotonalität

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In westlichen Musiktraditionen ist der kleinste Tonschritt der Halbtonschritt. Innerhalb einer Oktave gibt es zwölf Halbtonschritte. Dieser Aufteilung folgen auch Instrumente wie das Klavier durch dessen Tastenanordnung oder die Gitarre mit ihren Bünden.

Wenn nun Tonschritte verwendet werden, die kleiner sind als ein Halbtonschritt, dann spricht man von Mikrotonalität. Mikrotonalität hat eine reiche Geschichte und lässt sich seit Jahrtausenden in vielen aussereuropäischen Musiktraditionen finden.

Die Musik von Angine de Poitrine ist gitarrenlastig. Mikrotonale Musik auf einer regulären Gitarre zu spielen, ist aber nicht möglich. Aus diesem Grund verwenden Angine de Poitrine ein handgebautes Instrument, in dem eine E-Gitarre mit einem E-Bass fusioniert wird.

Die langersehnte KI-Rebellion

Ungeachtet aller Kunstgriffe: Diese Musik ist tanzbar und nicht verkopft. Gleichzeitig ist da etwas, das zum Hinhören zwingt, Aufmerksamkeit einfordert und nicht einfach im Hintergrund dudeln kann. Denn Angine de Poitrine sind gepunktet, aber nicht kleinkariert. Laut, schräg, absurd. Und vor allen Dingen: handgemacht.

Damit ist die Band eine faszinierende Reaktion auf die KI-Musik, die immer perfekter wird. Das Phänomen Angine de Poitrine zeigt, was menschengemachte Musik von KI-Produktionen unterscheidet: Authentizität, die Marke für «Mensch».

Radio SRF 3, 08.04.2026, 08:45 Uhr

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