Sonny Rollins ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Rollins war Sound. Ein grosser, farbiger, fetter Tenorsaxofon-Sound. Mit diesem Sound liebte er es, lange Linien zu spielen und damit Geschichten zu erzählen, kraftvoll, mit viel Zug und doch entspannt. Er möge einfache Themen, sagte er einmal – die Komplexität liege in seinen Soli.
Es stimmt, viele seiner Kompositionen tönen fröhlich und direkt, manchmal wie Kinderlieder. Für die Improvisation über das Thema macht dann das Kind dem reflektierenden Musiker Platz, der das melodische Material dreht und wendet, weiterentwickelt, dekonstruiert und wieder zusammensetzt.
Schneller Erfolg, harter Entzug, neue Energien
Dass das Einfache schwierig werden kann und das Schwierige einfach – das ist die Geschichte von Rollins’ Leben. Dem Wunderkind fliegt scheinbar alles zu auf dem Saxophon. Seine Anfänge sind traumhaft, schon als Zwanzigjähriger nimmt er mit dem grossen Trompeter Miles Davis auf. Der schnelle Erfolg bringt allerdings auch Stress und Drogen.
Sonny Rollins gelingt der Entzug, und der setzt ungeahnte Energien frei – mit Alben wie «Saxophone Colossus» (mit seiner berühmten Nummer «St.Thomas») oder «Way Out West» spielt er sich in eine eigene Kategorie und erfindet darüber hinaus ein neues Genre: das Trio ohne Harmonieinstrument, also nur mit Bass, Schlagzeug und Saxophon.
Sabbatical auf der Brücke
Scheinbar mühelos kommt Sonny Rollins ganz oben an auf dem Jazz-Olymp, noch vor seinem dreissigsten Geburtstag. Als ihm das wieder allzu schnell geht und der Druck zu gross wird, reagiert er dieses Mal klüger: Er gibt nach den Drogen auch das Rauchen und Trinken auf und zieht sich zwei Jahre auf die Williamsburg Bridge zurück.
Das Bild setzt sich im kollektiven Gedächtnis fest: der Eremit mitten in der Grossstadt, der seinen Sound stählt im Lärm des vorbeidonnernden Verkehrs.
Das Sabbatical auf der Brücke versorgt Rollins mit neuer Energie für eine weitere Dekade. Seine Musik führt ihn um die ganze Welt, nach Japan, Europa, schliesslich nach Indien.
Mit Achtsamkeit zu neuen Comebacks
Inspiriert von der fernöstlichen Spiritualität nimmt er eine zweite Auszeit, lernt Yoga und Zen-Meditation. Dass seine Musik sich dabei auch immer weiterentwickelt, liegt daran, dass überall – auf Tour oder in der Retraite – sein Saxophon immer dabei ist. Er spricht von «ihr», das Saxophon ist eine «she», und wenn er in einem anderen Raum schlafen geht, fragt er sie vorher, ob das ok ist.
So gelingt Rollins nach seinem zweiten Comeback in den 1970er-Jahren, was nur wenigen Jazzmusikern aus den 1950er-Jahren gelingt: Sein Stern sinkt nicht, im Gegenteil.
Musiker, Mensch, Zeitgenosse
Mit seinem Bart und seiner yogihaften Präsenz gilt er bald als lebende Legende und wird auch ausserhalb des Musikbusiness gehört: Von seinem frühen Stück «Airegin» (Nigeria rückwärts) über seine «Freedom Suite» bis zum Album «Global Warming» äusserte sich Rollins immer wieder zu den drängenden Problemen der Zeit, als Musiker und als Mensch.
Auch Jahre nachdem er sein Saxophon wegen einer Lungenkrankheit zur Seite legen musste, blieb seine Stimme so präsent. Jetzt ist sie verstummt und ein wichtiger Zeitzeuge gestorben. Zurück bleibt sein Sound – und das Bild des Eremiten auf der Brücke.