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«Jesus Christ Superstar» Jesus in Jeans begeistert in Berner Rockoper

Die Rockoper erzählt eine Passionsgeschichte ohne göttliche Wunder. Jesus, Judas und Maria Magdalena sind alles nur Menschen. Jesus singt bis zum Schluss in Jeans, wenn die Inszenierung der Bühnen Bern den Bogen von biblischer Zeit zu heutigen Krisen schlägt.

Wellblechdach und kaputte Fenster. Alle ziehen ein Ticket, doch niemand wird aufgerufen. Die Anhängerschaft Jesu versammelt sich im Wartezimmer einer heruntergekommenen Baracke. Sie sind krank und arm, ihre Hoffnung ruht auf Jesus Christus, angeblich Sohn Gottes.

Gruppe von Menschen auf einer Bühne in einer Theateraufführung.
Legende: Er soll die Erlösung bringen, doch Jesus ist geplagt von Selbstzweifeln. Bühnen Bern/Foto: Rob Lewis

Gespielt wird in T-Shirt und Jeans. So eröffnen die Bühnen Bern ihre neue Inszenierung von «Jesus Christ Superstar» im Stadttheater mit grösstmöglicher Besetzung: Neben einer Rockband spielt das Berner Symphonieorchester, auch der Opernchor ist dabei. Musikalisch überzeugt die Produktion auf ganzer Linie.

Jesus und Judas aus den USA

Der US-amerikanische Sänger und Schauspieler Tyce Green singt die schwierige Partie des Jesus messerscharf und ausdrucksstark. Auch Judas Iscariot wird von einem US-Amerikaner verkörpert: Allen Marchioni spielt ihn mit viel Pathos und virtuoser Gesangstechnik. Judas ist die eigentliche Hauptfigur der Rockoper von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice.

Dieser singt die meisten Songs und erzählt als Zeitzeuge die letzten Tage Jesu – von der Tempelreinigung über den Verrat bis zur Kreuzigung. Die Auferstehung wird nicht gezeigt. Wunder geschehen keine in dem Stück. Alle Figuren sind Menschen: Jesus ist geplagt von Zweifeln, Maria Magdalena hoffnungslos verliebt, Judas überzeugt, im Sinne Gottes zu handeln.

Rockoper-Revival

Obwohl das Werk nie von den Spielplänen verschwunden ist, erlebt es derzeit eine Art Revival. Neben der Berner Produktion wurde es vergangenes Jahr vom früheren Zürcher Intendanten Andreas Homoki als eine seiner ersten Amtshandlungen an der Komischen Oper Berlin gross auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof aufgeführt – mit hunderten Beteiligten.

Auch Broadway-Star Cynthia Erivo, spätestens seit den Wicked-Filmen international bekannt, sang kürzlich ihre Version des Jesus in Hollywood. Ihr Gegenspieler: Adam Lambert als Judas, heutiger Frontsänger von Queen.

Album und Kritik

Schon in den 1970er-Jahren war die Begeisterung riesig, obwohl sich anfänglich keine Bühne fand. Ein Musical der Bibelgeschichte mit Rockmusik galt als zu riskant. Deshalb veröffentlichten Webber und Rice 1970 zuerst ein Konzeptalbum. Es schlug ein und wurde ihr internationaler Durchbruch.

Die Kirche war gespalten: Die vereinfachte Darstellung Jesu empfand man als Blasphemie. Auch Antisemitismusvorwürfe begleiteten das Werk, da es Stereotype und die jüdische Schuld am Tod Jesu betone. Andere sahen darin eine Chance, ein junges Publikum für die Bibelgeschichte zu begeistern. Die Hippie-Bewegung identifizierte sich besonders mit Jesus als friedlichem Rebell, barfüssig, bärtig und langhaarig.

Sohn Gottes oder Superstar seiner Zeit?

Das Musical war nie als religiöses Werk gedacht. Tim Rice nutzte eine gute Geschichte, die bis heute aktuell ist: Widerstand einer Minderheit, Personenkult und der Fall eines gefeierten Idols, das die Erwartungen nicht erfüllt.

Person auf Bühne mit Polizisten im Hintergrund, beleuchtet von hellem Licht.
Legende: Die Rockoper stammt ursprünglich aus den 1970er-Jahren, die aktuelle Inszenierung in Bern lässt jedoch klar Parallelen zum aktuellen Weltgeschehen erkennen. Bühnen Bern/Foto: Rob Lewis

Auch die Berner Inszenierung wirkt hochaktuell: Das Schlussbild des blutenden Jesus am Stacheldrahtzaun geht unter die Haut und erinnert an Bilder aus heutigen Kriegsgebieten, die unsere Nachrichten prägen.

Veranstaltungshinweis

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Das Stück «Jesus Christ Superstar» am Stadttheater Bern läuft noch bis zum 27. Juni 2026.

Radio SRF2 Kultur, Kulturplatz-Talk, 27.3.2026, 9:00 Uhr.

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