Komponist Charles Ives liebt das Durcheinander

Der New Yorker Komponist Charles Ives verstimmte Klaviere und liess das Orchester durcheinander spielen. Als Freigeist und Idealist prägte er die US-amerikanische Musik und führte sie weg von den klassisch-europäischen Konventionen.

Menschen laufen durch die Grand Central Station in New York. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Pulsierendes New York im Grand Central Station: Charles Ives lebte sein Leben lang im Big Apple. flickr/Diana Robinson

Er war ein waschechter Yankee: der Komponist Charles Ives (1874-1954) – ein musikalischer Pionier, der unabhängig von den klassisch-europäischen Traditionen und Konventionen sein wollte, und der damit zum Gründervater der US-amerikanischen Musik wurde, ein Freigeist, ein Experimentator.

In einigen seiner Stücke purzeln die Stile und Zitate durcheinander. Beethoven erklingt neben Negro Spiritual. Manchmal liess er Orchester durcheinander spielen, verstimmte die Klaviere oder er harmonisierte einfache Melodien mit wilden Clusters. Daraus entstand etwas völlig Eigenständiges, dessen Bedeutung erst viel später in Europa erkannt wurde.

Auf dem Kirchturm

Charles Ives' Vorbilder waren Beethoven und sein eigener Vater. Dieser, der Regimentskapellmeister George Ives, liess einmal mehrere Blasmusiken durchs Städtchen defilieren und lauschte dem «Durcheinander» der verschiedenen Märsche vom Kirchturm aus mit seinem Sohn. Das Erlebnis hat Sohn Charles tief geprägt.

Auch er verlangte zuweilen unterschiedliche Aufstellungen der Musiker, forderte also einen räumlichen Klang. Der Vater ermutigte ihn auch zu Ungewohntem: «Wenn du weisst, wie man eine regelgerechte Fuge gut schreibt, dann kannst du meinetwegen auch eine regelwidrige Fuge schreiben – aber gut. Du musst immer wissen, was du tust und warum du es tust.»

Bei seinem Lehrer Horatio Parker hingegen war Charles Ives mit «deutscher Regelhaftigkeit» konfrontiert. Bei aller Dankbarkeit dem Lehrer gegenüber wird in Ives' Stücken der Akademismus gelegentlich verspottet.

Ein Porträt von Charles Ives. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zu Lebzeiten von Ives wurde seine Musik weitgehend ignoriert. So blieben die meisten seiner Werke lange unaufgeführt. imago/United Archives

Versicherer und Idealist

Ives war auch ein Idealist, ein Universalist und Philosoph, wesentlich beeinflusst von den neuenglischen Transzendentalisten um Henry David Thoreau und Ralph Waldo Emerson. Sie strebten eine neue, freie Lebensweise und Naturverbundenheit an und brachen mit den Regeln sogenannt gebildeter Kultiviertheit.

Zwar lebte Ives sein Leben lang in New York und erwarb den Lebensunterhalt als Leiter einer Versicherungsagentur – gleichzeitig war er ein überzeugter Demokrat, gegen Unterdrückung und wollte den Menschen helfen. Auch bei dieser Arbeit machte er keine halben Sachen.

So entwarf er neue Methoden der Verkaufsstrategie und der Vertreterschulung. Die Broschüre wurde ein grosser Erfolg. Überhaupt florierte das Geschäft so sehr, dass er bald sorgenfrei leben konnte.

Philosophie, die klingt

In aller Experimentierfreude steckt also auch eine tief verankerte Weltanschauung: In seiner vierten Sinfonie – zum grössten Teil zwischen 1909 und 1916 entstanden, aber erst 1965 von Leopold Stokowski vollständig uraufgeführt – entwirft Ives eine Art philosophisches Programm in vier Sätzen. Es gipfelt in einer Apotheose, die «von der Realität der menschlichen Existenz und ihrer religiösen Erfahrungen handelt».

Auch seine zweite Klaviersonate mit dem Untertitel «Concord, Mass. 1840-60» ist von Philosophie geprägt. Im Städtchen Concord in Massachusetts lebten Mitte des 19. Jahrhunderts die Transzendentalisten. Ihnen widmete er seine Musik.

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