Zum Inhalt springen

Musik Konstantin Wecker: «Ich bin Dichter, ich darf naiv sein»

Konstantin Wecker schreibt und singt seit 40 Jahren für die Liebe und gegen die Gewalt. Zornig tut er das. Kraftvoll, poetisch und zart. Der Pazifist hat sich seine Utopien bis heute bewahrt. «Gehorsam ist mir tief suspekt», sagt Wecker. Diese Haltung verdankt er vor allem seinen Eltern.

Porträtfoto von Konstantin Wecker
Legende: Musiker, Dichter – und Pazifist: Konstantin Wecker liegt viel daran, an seinen Idealen festzuhalten. Richard Föhr

Herr Wecker, sind Sie ein guter Mensch?

Konstantin Wecker (lacht): Ich bin ganz sicher kein besonders guter Mensch. Ich fühle mich auch nicht moralisch erhaben oder der Zweifel entbunden.

Sie haben 40 wilde Bühnenjahre hinter sich. Mit grossen Erfolgen und schweren Schiffbrüchen. Sie besingen immer noch die gleichen Werte wie damals. , Link öffnet in einem neuen FensterWie haben Sie sich Ihre Utopien erhalten?

Legende: Video Konstantin Wecker über seinen Vater abspielen. Laufzeit 00:41 Minuten.
Aus Kultur vom 20.05.2015.

Ich glaube, das hat mit meinem Elternhaus zu tun. Meine Eltern waren keine Nazis. Mein Vater hat den Kriegsdienst verweigert in der Nazizeit. Wie durch ein Wunder hat er überlebt, weil ein Oberst ihn lieber für verrückt erklärt hat als ihn an die Wand zu stellen.

Und durch diese Haltung in unserer Familie war und ist es bis heute klar, dass ich dem Andenken meines Vaters treu bleiben möchte.

Sie waren zeitlebens aufmüpfig und ungehorsam – Sie haben ein Autoritätsproblem, stimmt's?

Gehorsam ist mir tief suspekt. Schon mit 13 habe ich angefangen, meine Anarchie zu leben. Und auch meinen Söhnen bin ich nie autoritär begegnet. Ich habe sie nicht erzogen. Ich habe schon ein Problem mit dem Wort. «Erziehen» zu was? Zum Gehorsam? Zur Gier? Ich versuche meinen Söhnen klar zu machen, dass ich kein perfektes Kind brauche, keinen perfekten Leistungsträger. Ich will auf keinen Fall erreichen, dass sie irgendwann Chef der Deutschen Bank werden. Im Gegenteil, ich würde es verhindern, wenn ich es könnte.

Sie haben ein Buch herausgegeben mit dem Untertitel «Warum Pazifismus für uns das Gebot der Stunde bleibt». Warum?

Ich glaube, dass es ein Überleben der Menschheit irgendwann nur noch geben kann, wenn die Menschheit gewaltfrei wird. Diese Gewaltorgien, die wir derzeit betreiben, nicht nur gegen andere Menschen im Krieg, sondern gegen die Natur. Das kann ja nicht mehr gut gehen. Das muss doch jeder klar denkende Mensch sehen.

Haben Sie einen Weg, eine Lösung?

Wir brauchen eine Revolution. Eine unblutige. Es muss eine Revolution der Vernunft, des Verstandes, der Geistigkeit, des Bewusstseins sein. Keine mehr, bei der ein einziger Führer denkt, er könne eine Ideologie der Welt überstülpen, die eine Welt gerechter macht. Das hat noch nie funktioniert. Wir müssen anfangen, uns so zu vernetzen, dass wir die ganzen Führer und Machtmenschen nicht mehr brauchen.

Ist das nicht utopisch, naiv gar?

Ich bin Dichter, ich darf naiv sein und ich darf Utopist sein. Ich muss sogar Utopist sein. Mein Vater hat mich zwei Tage vor seinem Tod gefragt: «Konstantin, wie kann man dieses Leben eigentlich überstehen, ohne naiv zu sein?» Das war so schön. So treffend. Mein Vater hat viele Sätze gesagt, die mich bis heute begleiten. Einmal zeigte er mir ein Bild, das er gemalt hat und sagte: «Weisst du Konstantin, ich muss dir ehrlich sagen, das, was hernach rauskommt, das Bild, das ist mir überhaupt nicht wichtig. Der Vorgang des Malens macht mir eine so grosse Freude.»

Legende: Video Konstantin Wecker singt ein Novalis-Gedicht abspielen. Laufzeit 01:29 Minuten.
Aus Kultur vom 20.05.2015.

Geht es Ihnen auch so?

Das Schreiben und Komponieren ist wirklich ein unglaublich schöner Zustand. Weil man in diesem Moment verbunden ist mit dem Wesentlichen – gläubige Menschen würden sagen: mit Gott.

Wie schreiben und komponieren Sie?

Bei jedem Gedicht muss ich warten, bis es mir passiert. Ich kann das nicht steuern. Es ist, als ob es in mir fertiggeschrieben wird und dann will es plötzlich raus, fast wie bei einer Geburt.

Ich kann monatelang schweigen und dann, im letzten Sommer zum Beispiel, da habe ich in meinem Haus in der Toscana in fünf Tagen sechzehn Gedichte geschrieben und vertont. Ich musste kaum etwas verbessern.

Ich frage mich im Nachhinein wie das möglich war. Ich weiss es nicht so recht, es ist geheimnisvoll. Wenn meine Texte draussen sind, habe ich nicht mehr das Gefühl, dass ich sie geschrieben habe. Sie sind in dem Sinne klüger als ich.

Buchhinweis

Margot Kässmann, Konstantin Wecker (Hg.): «Entrüstet Euch! Warum Pazifismus für uns das Gebot der Stunde bleibt. Texte zum Frieden.» Gütersloher Verlagshaus, 2015.

CD-Hinweis

Konstantin Wecker: «Ohne Warum». Sturm & Klang, 2015 (Erscheint am 19. Juni).

Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

Es wurden noch keine Kommentare erfasst. Schreiben Sie den ersten Kommentar.