Am Anfang ist da eine Kiste. «Fragile» steht darauf, in Grossbuchstaben. Sie öffnet sich, darin: Rosalía im Tütü, grell ausgeleuchtet. Eine Ballerina, aber kein Spiel, sie meint es ernst. Die Kiste klappt auf, wird zum Kreuz. Man denkt kurz an Zirkus, dann an Kirche, und während man noch sortiert, singt sie schon. Und wie.
Was folgt im Zürcher Hallenstadion ist kein Konzert im herkömmlichen Sinn, sondern eine präzise gebaute Abfolge von Bildern. Es gibt keine Setlist, es gibt Geschichten, die wie in grossen Schauspielhäusern aufgeführt werden. Die Protagonisten: Rosalías Stimme, ihre Mimik, ihr Orchester und die Lyrics, die oben, in einer schmalen Zeile, übersetzt erscheinen. Japanisch, Spanisch, Arabisch: Auf dem neuen Album «Lux» singt sie in dreizehn Sprachen. Globaler Pop, sauber untertitelt.
Sündig und heilig
Die Bühne ist streng komponiert: viel Weiss, viel Symmetrie, ein zentraler Mond, Nebel, Staub, Federn. Alles wirkt wie Malerei. Und immer wieder diese religiöse Bildsprache – Kreuz, Beichte, Engel. Katholizismus, aber ohne Gottesdienst: eher als sehr gut ausgeleuchtetes Gefühl. In «Sexo, violencia y llantas» will Rosalía gleichzeitig sündig und heilig sein – und schafft es immerhin, beides ziemlich überzeugend aussehen zu lassen.
Dann dieser Moment, ihr zurzeit grösster Hit: das entschlossene Abrechnen mit dem Ex in «La Perla». Sie singt vom «emotionalen Terroristen» und liefert dazu eine schwarz-weisse Pantomime-Performance. Tänzerinnen mit weissen Handschuhen rahmen sie – eine Anlehnung an die Illusion, die dieser Ex einst aufgebaut hat.
Bitte nicht stören
Das eigentliche Zentrum des Abends ist ihre Stimme. Erstaunlich ungebrochen von der massiven Inszenierung. In «Mi Cristo Piange Diamanti» steigt sie in Höhen, die man in dieser Popgegenwart kaum mehr erwartet. Für einen Moment kippt alles ins Unzeitgemässe: eine Arie im Hallenstadion, gefilmt von tausend Smartphones, die genau wissen, dass hier gleich etwas «Speechless»-Taugliches passiert.
Das Orchester, die elektronischen Schichten, die punktgenauen Einsätze. Und dann diese Dirigentin: Yudania Gómez Heredia. Blonde Cornrows, enorme Präsenz. Die kubanisch-deutsche Komponistin dirigiert mit Ruhe und Präzision – und beginnt dann, fast nebenbei, sich zur Perkussion zu bewegen. Kippt in den Rhythmus, tanzt ihn, Ekstase. Und das Publikum? Es schaut. Staunt. Fast ehrfürchtig. Als hätte man kurz verstanden, dass hier etwas passiert, das man nicht stören möchte.
Und doch blitzen Momente auf, die sich dem entziehen. Wenn Rosalía «Zürich» sagt und daran scheitert - «Zurih», noch einmal «Zürih» – und das Publikum sie dafür feiert. Oder wenn jemand zur Beichte auf die Bühne gebeten wird und das Pathos kurz ins Spielerische kippt. Für Sekunden wird es leicht.
Rosalía zeigt an diesem Abend weniger, dass Grenzen verschwinden, sondern wie bewusst sie mit ihnen spielt. Oper, Flamenco, Club – alles ist da, aber nichts bleibt an seinem Platz. Das wirkt nicht wie Auflösung, sondern wie Inszenierung: hochkontrolliert, hochästhetisch. Vielleicht liegt genau darin der Reiz: dass diese alte Trennung – hier Hochkultur, dort Pop – noch existiert, aber hier einfach niemanden mehr interessiert.