Nach jedem Konzert überprüfe er die Kommentare über seinen Auftritt in den sozialen Medien. Wenn sie schlecht seien, bestelle er Fast Food auf sein Zimmer. Wenn sie gut seien, dann auch, sagt Noah Kahan und lacht. Der 29-Jährige ist ein Meister darin, die eigenen Unzulänglichkeiten nicht nur zum Thema zu machen, sondern auch öffentlich darüber zu lachen. Oder zu weinen.
Soeben ist auf Netflix «Out of Body» erschienen, eine Dokumentation, die Einblick in Kahans Leben gibt und nacherzählt, wie er sich vom Indie-Geheimtipp zum Grammy-Nominierten mit 22 Gold- und Platin-Auszeichnungen gemausert hat.
Die Stärke von Kahans Songs liegt in erster Linie in der Mischung aus klassischem Folk und süffigem Pop, sowie in seiner emotionalen Erzählweise, bei der er kein Blatt vor den Mund nimmt.
Gen Z-Stimmungsbarometer
Kahan spricht und singt offen über Angst- und Essstörungen, Depressionen und Körperdysmorphie. Diese Bekenntnisse bilden den Kern seiner Kunst. Auch neben der Bühne setzt er sich für psychische Gesundheit ein und hat mit «The Busyhead Project» eine Initiative gegründet, die Betroffenen den Zugang zu Hilfsangeboten erleichtern will.
Kahan singt aber nicht nur über seine eigene psychische Verfassung, sondern auch über Themen wie Entfremdung und Zugehörigkeit sowie das Leben in einer Kleinstadt. Seine Texte sind tiefgründig, zugleich aber auch humorvoll und selbstironisch. Indem er innere Prozesse in seiner Musik abbildet, wird diese zum Zeugnis dafür, wie jemand versucht, sich selbst auszuhalten.
Den gleichen Ton schlägt der Singer-Songwriter auch auf seinem neuen Album «The Great Divide» an. Die Songs kreisen um familiäre Spannungen und die Frage, wie man sich selbst treu bleibt, wenn plötzlich die ganze Welt zuhört. Die Netflix-Doku zeigt Noah Kahan ungeschönt zwischen Erfolgsdruck, Schreibblockade und der Angst, den Höhepunkt seiner Karriere schon überschritten zu haben.
Diese Mischung aus Erfolg, Authentizität und Selbstzweifel kommt insbesondere bei der Gen Z gut an. Kein Wunder. Es ist die Generation, die mit Krisen, Zukunftsangst, Unsicherheiten und einem hohen Bewusstsein für mentale Gesundheit aufgewachsen ist.
Sehnsuchtsprojektion
Hinzu kommt, dass Noah Kahan aufgrund seiner Herkunft reichlich Projektionsfläche bietet: Er wuchs im 1000-Seelen-Kaff Strafford im ländlichen Nordosten der USA auf, ohne Handyempfang, die nächste Tankstelle in weiter Ferne.
Nach dem musikalischen Durchbruch zog Kahan mit seiner Partnerin nach Nashville, fand dort aber weder Halt noch Inspiration. Erst mit der Rückkehr nach Strafford fand er einen Ausweg aus der kreativen Flaute. In der Natur und der vertrauten Umgebung kommt er zur Ruhe und kann sich wieder auf das Wesentliche besinnen. In Strafford frage niemand nach Streaming-Zahlen, sagt er, sondern danach, wie es der Familie gehe.
Die Netflix-Doku stilisiert das unspektakuläre Landleben zum Gegenpol unserer hektischen und reizüberflutenden Gegenwart – die ländliche Abgeschiedenheit und was damit assoziiert wird, prägt Kahans Image. In einer Welt, in der viele ständig performen und Neuheiten jagen, wirkt er wie eine Gegenfigur. Das lässt Sehnsüchte nach einem vermeintlich einfacheren und überschaubaren Leben aufkommen. Nicht nur bei Gen Z.