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Körperdysmorphe Störung «Ich bin drei Jahre lang nicht aus dem Haus gegangen»

Die kleinen «Problemzonen» am eigenen Körper kennen viele. Bei Menschen mit Körperdysmorpher Störung bestimmen die vermeintlichen Makel hingegen das ganze Leben. Zwei Betroffene dieser Zwangsstörung schildern ihre Leidensgeschichte.

«Ich bin drei Jahre lang nicht aus dem Haus gegangen.» Zu dieser Zeit war Mia ein Teenager, heute ist sie 21. Lediglich für ihre Besuche in der Psychotherapie verliess sie die Wohnung. Sie erinnert sich daran, wie sie ihre Eltern mit dem Auto zur Therapie brachten und wie sie dabei an einem Schulhaus vorbeifuhren: «Das war das Schlimmste. Es hat mich daran erinnert, was ich alles verpasse. Ich bin eigentlich gerne zur Schule gegangen.» Mit 15 hat Mia das Gymnasium abgebrochen. Ihr Leidensdruck war zu gross.

Körperdysmorphe Störung (KDS) heisst die psychische Erkrankung, an der Mia leidet. Betroffene nehmen einzelne oder mehrere Körperteile verzerrt wahr und fokussieren sich übermässig auf vermeintliche Makel. Bei Mia waren es zuerst Haare und Nase, später auch die Augenlider und Lippen.

Die Leute denken, dass ich selbstverliebt bin. Aber genau das Gegenteil ist der Fall.
Autor: Mia (Name geändert) KDS-Betroffene

Die eingebildeten Problemzonen beeinträchtigen Mias gesamtes Leben. Die Wohnung verlässt sie nur nach einer langen Schmink- und Pflege-Routine: «Als es mir am schlechtesten ging, hat es bis zu sechs  Stunden am Tag gedauert, um mich parat zu machen.» Sie sei manchmal morgens um 3 Uhr aufgestanden, um dann völlig übermüdet zur Schule zu gehen. Heute sei es etwas besser. «Nur» noch zwei Stunden dauert die tägliche Prozedur.

Isolation und Scham

Mia heisst eigentlich anders, sie will anonym bleiben. Das ist wenig verwunderlich: Betroffene, deren KDS-Ausprägung besonders stark ist, isolieren sich häufig von ihrer Umwelt. Hinzu kommt die Scham: Menschen mit KDS erfahren viel Unverständnis für ihre Erkrankung. Gerade auch, weil man ihnen die vermeintlichen Makel nicht ansieht. Mia kommt dem gängigen, westlichen Schönheitsideal objektiv gesehen sehr nahe. «Die Leute denken meistens, dass ich einfach eitel oder selbstverliebt bin. Aber eigentlich bin ich genau das Gegenteil von selbstverliebt.»

Diese Erfahrung machen auch viele Patientinnen und Patienten von Tanja Roth. Sie ist Leiterin des Spezialambulatoriums für Körperdysmorphe Störungen am psychologischen Institut der Universität Zürich: «Oftmals wird die Krankheit verniedlicht und nicht ernst genommen», so Roth. «Dass sie zu einem grossen Leidensdruck führt und Betroffene viele Einschränkungen haben, wird oft nicht gesehen.»

In der ICD-11, der Internationalen Diagnose-Klassifikation der WHO, wird Körperdysmorphie als eigenständige Erkrankung in der Kategorie Zwangsstörungen verortet. Das Psychologische Institut der Universität Zürich geht davon aus, dass rund zwei Prozent der Bevölkerung von KDS betroffen sind. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, da verlässliche Erhebungen fehlen. Frauen und Männer sind zu etwa gleichen Teilen betroffen.

Muskeldysmorphie bei Männern

Überproportional häufig kommt bei Männern Muskeldysmorphie vor, eine Unterform der Körperdysmorphen Störung. Der Fokus Betroffener liegt auf deren Körperbau: Trotz eines oft muskelbepackten Körpers sehen die Männer in ihrem Spiegel eine schmächtige Person.

«Ich fühlte mich als zu wenig muskulös und zu wenig definiert. Und ganz offen gesagt: einfach zu dick, zu fett.» So negativ dachte Philipp lange über seinen Körper, obwohl er überdurchschnittlich muskulös ist. Der Informatiker geriet in einen Teufelskreis. «Ich begann, mich zu verstecken, trug schlabbrige Kleider im Gym. Einfach, weil ich das Gefühl hatte, dass ich nicht gut genug bin.» Seinen durchtrainierten Körper habe er so immer mehr vor sich selbst und vor anderen versteckt. «Ich habe deshalb auch keine Erfolge mehr gesehen. Das hat dann wieder dazu geführt, dass ich dachte, ich hätte nicht hart genug trainiert. Es war eine Abwärtsspirale.»

«Das reicht noch nicht!»

Auch mit seinen 51 Jahren hat Philipp einen Bizeps, der prall ist wie bei einem 20-Jährigen. Seine Schultern können sich mit jenen von Arnold Schwarzenegger messen. «Ich könnte vermutlich wie er aussehen und würde immer noch sagen: Das reicht noch nicht!»

Erste Priorität hat das Training – alles andere steht hinten an.
Autor: Philipp Informatiker, litt an einer Muskeldysmorphie

Auch wenn Philipp sagt, dass er nachsichtiger mit sich selbst geworden sei, trainiert er noch immer fünf Mal die Woche einem unerreichbaren Ideal hinterher. Denn die eigene Erwartungshaltung entwickle sich konstant weiter. Heute lässt er zwar auch mal ein Training ausfallen, um mit Freunden essen zu gehen. Doch er tut das ungerne: «Erste Priorität hat immer noch das Training und alles andere steht hinten an.»

Muskeldysmorphie zu erkennen ist schwierig. Denn Betroffene sehen nicht krank aus. Ganz im Gegenteil: «Wenn jemand fit aussieht, kaschiert dies das Problem. Aber wer extrem trainiert, kann trotzdem einen hohen Leidensdruck haben», sagt Psychologe Roland Müller, der eine Fachstelle für Männergesundheit leitet.

Wir Menschen sind mit sehr vielen Idealen konfrontiert, vor allem auf Social Media. Das verunsichert uns.
Autor: Roland Müller Psychologe

Eine Muskeldysmorphie kann sich durch bestimmte Warnzeichen äussern: «Wenn man trainiert, obwohl man Schmerzen hat oder verletzt ist. Wenn man seine Ernährung immer mehr einschränkt und Essensanfälle bekommt. Wenn man sich sozial zurückzieht und im Gespräch mit anderen immer negativ über seinen eigenen Körper spricht. Und vor allem, wenn man illegale Substanzen konsumiert, wie zum Beispiel Anabolika», erklärt Müller.

Social Media ist nicht das einzige Problem

Immer mehr junge Männer sind von Muskeldysmorphie betroffen, so Müller. Dies sei auch ein Phänomen unserer Zeit: «Wir Menschen sind mit sehr vielen Bildern und Idealen konfrontiert, viel häufiger als früher, vor allem auf Social Media. Das verunsichert uns – wir sind eine verunsicherte Gesellschaft.»

Auch Philipps und Mias Körperdysmorphie wurde durch die Bilderflut verstärkt: «Ich habe viel zu viele schöne Menschen gesehen. Ich dachte, dass ich genauso wie sie aussehen müsse, sonst ist alles schlecht», so Mia.

KDS vs. Körperunzufriedenheit

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Unzufriedenheiten mit dem eigenen Körperbild sind sehr verbreitet. Vor allem die ständige Konfrontation mit idealisierten Bildern führen zu Frustration und psychischem Stress, besonders bei jungen Frauen. Mit dem Körperbild haben auch Betroffene der Körperdysmorphen Störung (KDS) zu kämpfen.

Allerdings geht KDS weit über eine reine Unzufriedenheit hinaus. Es handelt sich um eine tiefgreifende, wahnhafte Verzerrung der Selbstwahrnehmung, die den gesamten Alltag beherrscht. KDS, auch Dysmorphophobie genannt, ist eine offiziell anerkannte psychische Erkrankung. Im Diagnosemanual ICD-11 der WHO zählt KDS zu den «Zwangsstörungen und verwandten Störungen».

Dennoch betont Roth: «Die Körperdysmorphe Störung hat viele andere Einflussfaktoren.» So trat Philipps Muskeldysmorphie dann auf, als er gleichzeitig an einer Depression und einem Burnout litt.

Die Ursachen für KDS sind komplex

Wie bei den meisten psychischen Leiden gibt es auch für KDS immer mehrere Ursachen: «Da spielen zum Beispiel auch Mobbing, Ausgrenzungserfahrungen, fehlende Unterstützung im familiären Umfeld oder negative Beziehungserfahrungen eine grosse Rolle. Aber auch Perfektionismus oder ein geringer Selbstwert haben einen Einfluss», so Tanja Roth.

Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass irgendetwas falsch ist an mir.
Autor: Mia (Name geändert) KDS-Betroffene

Auch Mias Krankheitsgeschichte dürfte von Erfahrungen in der Kindheit und im Teenageralter geprägt sein. So erzählt sie von ihrer Grossmutter, die ihr schon früh geraten habe, abzunehmen. An der Schule erlebte sie Mobbing: «Ich war nicht beliebt», sagt Mia. «Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass irgendetwas falsch ist an mir.» Und so habe sie geglaubt, etwas an ihrem Äusseren verändern zu müssen.

Schönheitsoperationen bringen kaum Linderung

Viele KDS-Betroffene wünschen sich deshalb eine Schönheitsoperation – so wie Mia: Sie entschied sich mit 19 für eine Haartransplantation, um volleres Haar zu haben. Ihre Nase liess sie ebenfalls operieren.

Entspannung bringen solche Eingriffe – wenn überhaupt – nur kurzfristig: «Die Basis von KDS ist eine Wahrnehmungsstörung. Und Operationen ändern an der Wahrnehmung nichts», erklärt Roth. Oft verschlimmern Schönheits-OPs die Situation sogar, weil Scham- und Schuldgefühle oder finanzielle Probleme dazukämen. Auch Mia ist sich dessen bewusst, aber es sei schwierig, von Operationen wegzukommen. Sie plant weitere Eingriffe: «Der mentale Schmerz von KDS ist viel schlimmer als die Schmerzen, die einem die Operationen zufügen.»

Der Leidensweg der jungen Frau ist lang. Nach und nach sieht Mia aber erste Lichtblicke. Nach zahlreichen Klinikaufenthalten und intensiver Psychotherapie wagt sie sich wieder vermehrt unter Menschen. Wenn es weiter aufwärts geht, möchte sie ihre Matura nachholen.

Trotz ihrer Isolation hat Mia vor einiger Zeit einen Menschen kennengerlernt, mit dem sie eine Beziehung führt: ein Bekannter ihres Bruders. «Ich hätte nie gedacht, dass mich ausserhalb der Familie jemand akzeptieren oder gerne habe könnte, so wie ich bin», erzählt Mia. Sie wirkt sichtlich gelöster, wenn sie von ihm spricht. «Er hat mir gezeigt, dass es okay ist, wie ich bin, und dass mich Leute auch gernhaben können.»

Anlaufstellen

SRF 1, Puls, 16.02.2026, 21:05 Uhr

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