Kochrezepte singen Singen statt zwingen: Sängerin Salome Kammer mag Unerhörtes

Salome Kammer ist eine der bedeutendsten Stimmkünstlerinnen der Gegenwart. Gerne überrascht sie ihr Publikum – und sich selbst – mit Unerhörtem.

Ein Porträt von Salome Kammer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Salome Kammer unterrichtet Neue Musik für Gesang an der Münchner Musikhochschule. Christoph Hellhake

Sie steht auf der Bühne und singt Kochrezepte. Salome Kammer kann sich dabei ein Schmunzeln nicht verkneifen – und auch ihr Publikum ist höchst vergnügt. Etwas später trägt die 58-jährige Sängerin einen Lichtenberg-Aphorismus vor, konzentriert in Noten gesetzt vom ungarischen Komponisten György Kurtág: ein Blick in seelische Tiefen.

Salome Kammer balanciert in ihren Programmen zwischen Komik und Ernsthaftigkeit, ist mal virtuose Stimmakrobatin, dann wieder singende Erzählerin. Sie beherrscht die experimentellsten Stimmtechniken, hat viele zeitgenössische Werke uraufgeführt und genauso überzeugt sie mit einem Kurt-Weill-Song in breitem Berliner Jargon.

«Chanson bizarre» mit Peter Ludwig: Kammer singt Beipackzettel und Gebrauchsanleitungen mit lustvoller Überzeugung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Chanson bizarre» mit Peter Ludwig: Kammer singt Beipackzettel und Gebrauchsanleitungen. Andreas Ludwig

Zwischen Stuhl und Bank

In einem Kulturbetrieb, der gerne in Kategorien aufteilt und in Schubladen ordnet, fällt Salome Kammer zwischen Stuhl und Bank. Doch das hält sie nicht davon ab, ihren künstlerischen Weg zu gehen – eigenständig und unorthodox. Und sehr erfolgreich. Denn Salome Kammer ist eine der wichtigsten Stimmkünstlerinnen der Gegenwart.

Dabei hat sich ihre Karriere als Sängerin eher zufällig ergeben. Aufgewachsen ist Salome Kammer in einem Pfarrhaushalt in Hessen, in einer musikliebenden Grossfamilie als viertes von sechs Kindern. Das Cello war noch nicht besetzt und so begann ihr musikalischer Werdegang mit diesem Streichinstrument.

Richtige Noten zur richtigen Zeit

Doch schon während ihres Cello-Studiums begleitete Salome Kammer immer ein anderer Traum: die Schauspielerei. Sie hatte als Jugendliche auf der Theaterbühne erste Erfahrungen gesammelt und schnell gemerkt, dass ihr das Agieren in einer Rolle einen viel grösseren künstlerischen Spielraum eröffnet als das Cellospiel, bei dem es schlussendlich immer darauf hinauslief, die richtigen Noten zu richtigen Zeit zu spielen. Ein zu enges Korsett für die freiheitsliebende Künstlerin.

Ein Bild der beiden Hauptdarsteller aus "Heimat 3". Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Heimat 3»: Salome Kammer als Clarissa Lichtblau mit Henry Arnold. Keystone

So kam es, dass Salome Kammer einige Jahre als Schauspielerin im Ensemble der Städtischen Bühne in Heidelberg engagiert war. Sie trat dabei in den Bereichen Sprechtheater, Musical, Operette und Jugendtheater auf.

Die Stimme als Instrument

Einem gösseren Publikum wurde Salome Kammer bekannt in dem Film-Epos «Die zweite Heimat», beziehungsweise in «Heimat 3» in der Rolle der cellospielenden Clarissa. Mit dem Regisseur dieser Film-Trilogie, Edgar Reitz, ist Salome Kammer seither verheiratet.

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In «Aria» singt, trällert, spricht, säuselt, mundwerkelt, erzählt, rezitiert, röhrt und liest Salome Kammer stimmartistische Solowerke.

Chanson bizarre: Ein Gespräch mit Salome Kammer.

In dieser Zeit begann sie, ihre Stimme auszubilden, und seit 1990 ist sie in Konzerten für Neue Musik als Vokalsolistin zu hören. Ihre Erfahrungen als Cellistin lässt sie dabei mit einfliessen und behandelt ihre Stimme oft wie ein Instrument. Ihr breites Spektrum an Ausdrucksmöglichketen regt viele bedeutende Komponistinnen und Komponistin an, mit Salome Kammer zusammen zu arbeiten: von Carola Bauckholt bis Helmut Oehring, von Jörg Widmann bis Helmut Lachenmann.

Schalk in den Augen

Zeitgenössische Musik ist oft unglaublich schwer zu singen, rhythmisch komplex, stimmtechnisch anspruchsvoll. Auf der Opernbühne kommt noch dazu, dass man sich in einem minutiös einstudierten und von einem Dirigenten geführten Räderwerk bewegen muss.

Einen Ausgleich findet die Sängerin, die gerne lacht und in deren Augen oft der Schalk funkelt, im Kabarett. Zusammen mit dem Pianisten Peter Ludwig hat sie die komische Seite an eigentlich völlig unmusikalischen Texten entdeckt.

Witzig und unterhaltsam ist es, wenn die beiden Beipackzettel, Gebrauchsanleitungen, juristische Paragraphen oder auch die Kursbeschreibungen von Volkshochschulen vertonen und interpretieren. Oder eben, die Kochrezepte von Leonard Berstein singen: «La bonne cuisine» sind musikalisch brillante und intelligente Musikhappen. Ganz nach dem Geschmack von Salome Kammer.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Musik unserer Zeit, 25.1.2017, 20:00 Uhr.

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