Hartmut Haenchen dirigiert einen bildgewaltigen «Parsifal»

Skandale auf dem Grünen Hügel – eine Geschichte, die sich wiederholt. Für die diesjährige «Parsifal»-Produktion ersetzte die Festspielleitung zuerst den Regisseur Jonathan Meese. Kurz vor der Premiere sprang Dirigent Andris Nelsons ab, um von Hartmut Haenchen abgelöst zu werden. Ein Glücksfall.

Porträt Hartmut Haenchen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine beachtliche Leistung: Dem Dirigenten Hartmut Haenchen bleib nur wenig Zeit für den «Parsifal». Imago

  • Weil Andris Nelson kurzfristig absprang, blieb dem Dirigenten Hartmut Haenchen nur wenig Zeit für die Proben. Er dirigiert den «Parsifal» in Bayreuth souverän und erzählerisch.
  • Die Wagner-Oper spielt für einmal in einer umkämpften Kirche im Nahen Osten und erhält Anspielungen auf verschiedene Weltreligionen.
  • Die «Parsifal»-Inszenierung ist bildgewaltig. Trotzdem überzeugt sie nicht immer: Zu unklar ist stellenweise die Absicht, zu konventionell die Ästhetik.

Der 73-jährige Hartmut Haenchen gibt ein fulminantes Debüt auf dem Grünen Hügel. Der deutsche Dirigent lässt sich trotz der wenigen verbleibenden Proben keine Spur von Nervosität anmerken und dirigiert das Bayreuther Festspielorchester im «Parsifal» in durchweg flüssigen Tempi.

Haenchen ist sowohl in der historisch informierten Aufführungspraxis zu Hause als auch ein sehr erfahrener Wagner-Dirigent. Um Zeit zu sparen, brachte er für die Musizierenden sein eigenes Notenmaterial mit nach Bayreuth.

Er bringt die Partitur sehr aufregend und mit grosser Klarheit zum Klingen, bewirkt aber an den angezeigten Stellen auch die nötige Kontemplation.

Der Klang beginnt zu erzählen

Ausserdem geht Haenchen hervorragend mit der sehr eigenen Akustik des Bayreuther Festspielhauses um. Dort spielen die Musizierenden in einem zum grossen Teil abgedeckten Orchestergraben: Das erschwert das Hören des Gesamtklangs für den Dirigenten.

Gerade in den grossen Szenen, mit verschiedenen Chören hinter und auf der Bühne, gelingt Haenchen die Klangbalance ausgezeichnet. Insgesamt lässt er mit seinem Dirigat die Musik äusserst erzählerisch erklingen.

Schwer verständliche Texte

Weniger erzählend gestalten die meisten Sängerinnen und Sängern ihre Partien. Elena Pankratova beeindruckt zwar in ihrem Debüt als Kundry mit ihrer klanggewaltigen Stimme und zeigt im zweiten Akt auch berührende lyrische Qualitäten. In den hinteren Reihen ist es jedoch kaum möglich, ihre langen Erzählungen textlich zu verstehen.

Auch Gerd Grochowski als fieser Zauberer Klingsor und Ryan McKinny als Amfortas können ihre Texte kaum verständlich rüberbringen. Stimmlich jedoch überzeugen sie beide.

Vom Toren zum Erlöser

Klaus Florian Vogts Parsifal wirkt insgesamt noch etwas frisch, obwohl er die Rolle schon seit über zehn Jahren singt. Aber die Wandlung vom absolut unwissenden und unbedarften Toren zum Mitleid empfindenden Erlöser gelingt ihm stimmlich hervorragend.

Sowohl mit seinem kernigen, raumgreifenden Bass als auch mit der sprechenden Gestaltung seiner langen Erzählungen wird Georg Zeppenfeld zum Star des Abends. Seine Erzählhaltung und sein Timbre passen insgesamt am besten zum Dirigat von Hartmut Haenchen.

Das kalssizistische Bayreuther Festspielhaus, vor dem rote Abschrankungen auffgebaut sind. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Zeichen von Hartmut Haenchen und München: das Festspielhaus am Tag der «Parsifal»-Premiere. Keystone

Burkas im Hamam

Der Regisseur Uwe Eric Laufenberg versetzt die Handlung von Richard Wagners «Bühnenweihfestspiel» in eine umkämpfte Stadt im Nahen Osten. Genauer in eine kleine christliche Kirche, in welcher verfolgte Christen Unterschlupf finden.

Christliche Sinnbilder sind Teil der Inszenierung: Etwa Jesus mit Dornenkrone in Kreuzigungspose. Als Gralsenthüllung zapfen die Gralsritter, bzw. hier Gralsmönche, das Blut des Heilands ab und trinken es.

Auch der Islam hat seinen Platz in Laufenbergs Deutung: Frauen in Burkas – und unmittelbar anschliessend in Kleidern von Bauchtänzerinnen – versuchen Parsifal in Klingsors Zaubergarten, hier ist es eine Art Hamam, zu verführen. Später sehen wir auch noch jüdische Gläubige mit Kippa und ein Naturparadies.

Pan-religiöses Tableau

Laufenberg gestaltet so in einem Einheitsbühnenraum eine vielfarbige Inszenierung, die jedoch manchmal etwas gewollt wirkt. Elemente aus den unterschiedlichen Religionen werden zwar gezeigt, aber oft nicht weiter geführt. So wird seine Deutung zu einem pan-religiösen Tableau, an dessen Ende sich alle Glaubensrichtungen zu einer neuen Konglomerats-Religion vermengen.

Das ist zwar durchaus in Wagners Sinne: Ihm schwebte eine solche Überreligion als Ideal vor. Jedoch wirkt es stellenweise, als ob Laufenberg bloss möglichst viel in seine Inszenierung hineinpacken möchte.

Wagner verschmilzt mit Kundry

Weiter gibt es neben den ganzen Religionsanspielungen auch zwei Videos (von Gérard Naziri). Einerseits eine spektakuläre Fahrt vorbei an den Planeten. Andererseits eine Reihe von Gesichtern, die in einem Wasserfall verschmelzen, etwa Kundrys oder Wagners Konterfei.

Anschliessend leitet das Geläut einer grossen Glocke zur zweiten Gralsenthüllung über. Wie so manches ist dieser Übergang zwar interessant, aber dennoch etwas holprig.

Schön, konventionell und fast ohne Buhs

Insgesamt ist Laufenbergs Inszenierung zwar schön anzusehen, ästhetisch und in der Personenführung jedoch ziemlich konventionell. Gerade im Vergleich mit dem letzten, virtuosen und vielschichtigen «Parsifal», den Stefan Herheim 2008 auf die Bühne des Grünen Hügels gezaubert hat.

Aber dem Publikum hat's gefallen: Es hat gejubelt, und es gab nur wenige Buhrufe.

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