Musik aus dem Stegreif Wie die Improvisation der Klassik zu neuen Klängen verhalf

Improvisieren ist im Jazz üblich, in der klassischen Musik eher verpönt. Dabei kommt gerade sie ohne das Musizieren aus dem Stegreif nicht aus.

Ein Organist und ein mit Zetteln beklebtes Notenblatt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hier lässt sich wenig planen: Organisten müssen das Improvisieren beherrschen. Colourbox

Das Wichtigste in Kürze

  • Im Gegensatz zu anderen Musikstilen wird in der Klassik kaum improvisiert.
  • Das war nicht immer so: Barock-Komponisten etwa fanden durch das Musizieren aus dem Stegreif zu neuen Klängen.
  • Organisten in der Kirche sind die Ausnahme, weil sie sich mit improvisiertem Spiel dem Verlauf des Gottesdienstes anpassen.

Improvisation in der Musik: Da denken die meisten zuallererst an den Jazz. Weniger hingegen an den klassischen Musikbetrieb. Dort werden uns seit jeher fix und fertig komponierte, vollendete Werke in nur graduell unterschiedlichen Interpretationen vorgeführt.

Musizieren aus dem Stegreif

Manchmal bekommt man den Eindruck, es herrsche eine gewisse Angst: Jedenfalls gestanden berühmte Klassik-Interpreten in Interviews, dass sie durchaus gelegentlich improvisieren. Aber nur für sich, zu Hause: Nie im Konzert!

So klingt's: Improvisation in der Klassik

4:28 min, aus Kultur kompakt vom 26.01.2017

Das ist erstaunlich, denn tatsächlich basiert auch in der europäischen Klassik vieles auf Improvisation: Die Mehrstimmigkeit entstand vor über einem Jahrtausend wohl daraus, dass ein Sänger zu einem Choral eine zweite Stimme erfand.

Notentreue bis heute

Im Barockzeitalter wurde über dem Bass zu einer Melodie improvisiert, wie später im Jazz. Und Mozart noch extemporierte die Kadenzen zu seinen Klavierkonzerten.

Er notierte allerdings auch schon einige davon, weil sich andere Musiker zu diesem Musizieren aus dem Stegreif nicht imstande fühlten. Diese Notentreue griff im 19. Jahrhundert allmählich um sich: Bis sich kaum jemand mehr zu improvisieren traute.

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Pianistin Galina Vracheva improvisierte 2011 für SRF – unter anderem «Im Aargäu sind zwöi Liebi» (Youtube).

Zwischen Avantgarde und Free Jazz

Gewiss hat die Neue Musik auch die Improvisation wieder (ein wenig) in ihr Recht gesetzt, es gibt heute eine freie Improvisation zwischen Avantgarde und Free Jazz. Und gleichzeitig sind in den Konzertsälen Improvisations-Künstlerinnen unterwegs.

Pianistinnen wie Gabriela Montero aus Venezuela oder die in Zürich lebende Galina Vracheva lassen sich jeweils vom Publikum Melodien geben, die sie dann aus dem Stegreif verarbeiten. Trotz ihrer Popularität: Die Regel ist das immer noch nicht.

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SRF/ Mathias Willi

In der Kirche gibt es keinen Fahrplan

Ausser in der Kirche: Auf der Orgel hat sich das Improvisieren seit je gehalten, allein aus funktionalen Gründen. Der Organist muss während des Gottesdiensts flexibel reagieren können: Mal dauert das Abendmahl zwei Minuten, mal zehn, je nachdem. Entsprechend passt er seine Begleitmusik an.

Oder er macht eine Einleitung zu einem wenig bekannten Lied – und gestaltet sie dementsprechend. Natürlich hat es auch mit einer immensen Spielfreude zu tun. «Es ist ein Tummelfeld für die Musiker», sagt Wolfgang Sieber, seit 25 Jahren Organist an der Hofkirche Luzern. Der Toggenburger brachte sich als Jugendlicher das Improvisieren selber bei: Learning by Doing.

Er begleitete Volksmusikgruppen und Brass Bands und spielte mehrmals wöchentlich in der Kirche. Und entsprechend fliessen in seinen Improvisationen die Stile durcheinander. Er nennt seine Musik sein «Allesiechelädeli».

Improvisieren auf dem Lehrplan

Beim Orgelstudium gehörte das Improvisieren seit jeher zum Lehrplan. In Frankreich wurde es perfektioniert: Die Organisten lernen dort in den unterschiedlichsten Stilen zu improvisieren: à la Bach, Mozart, Franck oder Messiaen.

Auf eine schönere und pragmatischere Weise lassen sich Musiktheorie, Stilkunde, Instrumentaltechnik und Geschmack eigentlich nicht entwickeln. Am wichtigsten sei, sagt Organist Wolfgang Sieber, dass man seinen Personalstil entwickle. Das zeichnet die Musiker aus.

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Festival der Improvisation

«Variation» ist das Motto des Hochschul-Musikfestival «Szenenwechsel», vom 30.01. bis 05.02. in Luzern.

Flüchtige Momente der Musik

Leider ist Improvisation auch etwas sehr Spontanes, der flüchtigste Teil in der ohnehin schon flüchtigen Kunstform Musik. Gespielt, gehört – und weg ist es, wenn nicht gerade ein Tonband mitläuft. So können wir nur erahnen, wie einst ein Händel, ein Beethoven oder ein Bruckner auf der Orgel improvisierten.

Sie haben davon nur einen Bruchteil ausnotiert, das heisst: fast nichts. «Einen Bruckner spielen zu hören, das wäre einer meiner Himmelswünsche», sagt Wolfgang Sieber. In der Realität: unwiederbringlich vorbei.

Was wir aber heute noch hören können, sind die Improvisationen unserer Organisten in der Kirche. Mancherorts jeden Sonntag.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 26.01.2017, 08:20 Uhr