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Applausforschung Wieso Italiener anders klatschen als Deutsche

Wir tun es immer wieder, wissen aber wenig darüber: Klatschen. Die Musikwissenschaftlerin Jutta Toelle ist Expertin für Applaus.

Legende: Audio Erkenntnisse der Klatsch-Forscherin abspielen. Laufzeit 04:39 Minuten.
04:39 min, aus Kultur-Aktualität vom 07.12.2018.

Ein Konzert geht fulminant zu Ende. Kurz ist es still im Saal.

Dann fängt es an: das Klatschen.

Aber wieso machen wir das? Darauf weiss Jutta Toelle eine Antwort. Die Musikwissenschaftlerin beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen Applaus.

Klatschen ist ihr zufolge ein Zeichen der Anerkennung, vor allem aber – und das mag überraschen – der Erleichterung: «Dass wir eineinhalb Stunden lange still sitzen und uns weder bewegen noch Geräusche machen dürfen ist eine relativ unnatürliche Situation», sagt Toelle. Das Klatschen sei Teil der Erlösung.

Nie gelernt, und doch funktioniert es

Wie man richtig klatscht, haben wir eigentlich nie gelernt. Nach Konzerten gibt es kein Zeichen, wann man mit dem Klatschen anfangen soll. Auch den Rhythmus gibt niemand vor.

Trotzdem funktioniert das Klatschen. «Auch ein Publikum von 50'000 Menschen in einem Fussballstadion kann sich innerhalb von zwei Sekunden synchronisieren, ohne vorher verbal zu kommunizieren. Das ist total faszinierend», sagt Toelle.

Deutsche klatschen höflich, Italiener emotional

Diese Einigung darüber, wie eine Menschenmenge gemeinsam klatscht, ist auch von der Kultur abhängig. Andere Länder, anderer Applaus.

Deutsche etwa seien tendenziell eher höflich und korrekt, beobachtet die Musikwissenschaftlerin. «Im deutschen Sprachraum gibt es etwas, was ich den deutschen Standardapplaus nenne: Man klatscht einfach mal, auch wenn es gar nicht so toll war.» Das sei als Anerkennung der Arbeit zu verstehen, die die Künstler geleistet haben.

In Italien sei man weniger höflich. «Dort ist mir mehrfach aufgefallen, dass die Menschen nicht klatschen, wenn eine Darbietung nicht sonderlich spektakulär ist. Sie klatschen so zwei drei Mal in die Hände und gehen dann in die Pause.»

Wenn dann aber eine grosse Arie gegeben werde und das Publikum zufrieden sei, könne auch Jubelstimmung aufkommen: «Die Leute stehen auf und geben Standing Ovations.»

Klatschen und Kommunismus

Eine Rolle könne aber auch das politische System spielen. Das habe man in den Ländern des früheren Ostblocks beobachtet, sagt Toelle.

Es gebe beispielsweise eine Untersuchung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. «Die Leute dort scheinen bis heute schneller in rhythmisches, synchrones Klatschen zu verfallen.»

Mao lässt sich beklatschen.
Legende: Klatschen oder Stress: Mao lässt sich beklatschen. Keystone

Klatschen ist also universell – und gleichzeitig sehr spezifisch. Und sogar wer alle kulturellen Klatsch-Codes kennt, wie etwa die Applaus-Akademikerin Toelle, versteht zuweilen nur noch Bahnhof: «Ich war mal mit einer Kollegin in einer relativ traditionellen Opernaufführung in China. Das Konzert dauerte vier Stunden ohne Pause und wir haben bis zum Ende nicht herausgefunden, warum die Menschen an bestimmten Stellen klatschen», erzählt sie.

Wann und warum wir wie klatschen: Da gibt es also noch einiges zu erforschen. Der Stoff wird Jutta Toelle nicht so bald ausgehen.

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