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Christian von Burg über natürliche Vielfalt in der Stadt
Aus Wissenschaftsmagazin vom 22.02.2020.
abspielen. Laufzeit 06:49 Minuten.
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Biodiversität in der Stadt Jede Verkehrsinsel kann eine Insel der Vielfalt sein

Bahndämme, Kreisel und sogar Autobahnböschungen: Biologische Vielfalt findet sich oft an überraschenden Orten – wenn man diese denn richtig pflegt.

Weltweit steht es schlecht um die Tier- und Pflanzenwelt. Diese Woche treffen sich in Davos gut 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und diskutieren an der Welt-Biodiversitätskonferenz, was man gegen den rapiden Artenverlust tun kann.

In der Schweiz gibt es allerdings auch einige wenige Lichtblicke. Man findet biologische Vielfalt an unerwarteten Orten: in den Städten, an Bahndämmen und entlang von Autobahnen.

Bunter Salbei statt exotisches Grün

Auf Verkehrsinseln zum Beispiel, wo früher Cotoneaster oder anderes exotisches Einheitsgrün wuchs, blühen im Frühling bald wieder einheimische Arten wie tiefblauer Salbei, Margeriten und gelber Hornklee.

Zwie Falter un eine Biene auf einer Blume
Legende: Zitronenfalter und Bienen: sobald die richtigen Futterpflanzen wachsen, kommen sie wieder geflogen. Wikimedia / greenoid , Link öffnet in einem neuen Fenster

Dieser Wechsel sei nicht nur eine Wohltat fürs Auge, er wirke sich auch positiv auf die Tierwelt aus, sagt Christoph Küffer, Stadtökologe und Professor an der Hochschule für Technik in Rapperswil: «Wir haben zunehmend Daten, die zeigen, dass Schmetterlinge, Wildbienen und andere Insekten in die Stadt zurückkommen, sobald die Futterpflanzen da sind, die sie brauchen.»

In der Summe viele Arten

Eine Untersuchung in der Stadt Zürich hat gezeigt, dass selbst kleinste Flächen wertvoll sein können, wie etwa das Grün unter den Stadtbäumen. Auf Hunderten solcher Kleinstflächen haben die Botaniker die Wildpflanzen bestimmt und kartiert.

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«Mission B»: Was ist eigentlich Biodiversität?
Aus Biodiversität vom 13.03.2019.
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Oft sind es an einem Ort nur wenige Pflanzenarten – aber von Fleck zu Fleck wieder andere. «In der Summe kommen so erstaunlich viele Wildpflanzenarten zusammen», sagt Küffer. Noch wichtiger für die Vielfalt sind Bahndämme und Strassenböschungen, weil sie die Kleinstlebensräume verbinden.

Ein unerwartetes Paradies für Schlangen

Auch der Wert von Autobahnböschungen ausserhalb der Städte werde meist massiv unterschätzt, sagt der Agrarökologe Andreas Bosshard: «Das sind oft die einzigen nährstoffarmen Standorte, die in der überdüngten Agrarlandschaft noch existieren.»

Wie wertvoll Autobahnböschungen sein können, zeigt ein Fall aus der Westschweiz: Entlang der A9 am Genfersee wurde vor Kurzem per Zufall das letzte grosse Vorkommen der Aspisviper entdeckt und gerettet.

Eine Schlange im Kies.
Legende: Aspisvipern fühlen sich an der Böschung von Autobahnen wohl. Andreas Meyer

Die seltenen Schlangen lieben die heissen Steine an der steilen Böschung, wo sie nicht gestört werden – ein Lebensraum, wie sie ihn im Mittelland sonst nirgendwo mehr finden.

Richtige Saatmischung ist entscheidend

«Es ist schade, wenn man diese Flächen nicht optimal für die Biodiversität nutzt», sagt Bosshard. An viele Orten liessen sich solche Restflächen für die Natur aufwerten. Etwa indem man die richtigen Pflanzen sät.

Heute aber würden zum Beispiel nach Strassensanierungen in vielen Kantonen und Gemeinden noch immer ökologisch wertlose, nicht dem Standort angepasste Saatmischungen eingesetzt.

Vielfalt lohnt sich

Bosshard hat deshalb begonnen, auf den verbliebenen artenreichen Wiesen in allen Regionen der Schweiz Samen zu ernten. Danach verkauft er sie als standortgerechtes Saatgut an Landschaftsgärtnerinnen oder Autobahnbauer weiter. In Deutschland darf seit diesem Jahr nur noch lokal angepasstes Saatgut verwendet werden.

Wilder Salbei
Legende: Besser für die Natur – und erst noch schön bunt: blühender Salbei. Wikimedia / AnRo0002 , Link öffnet in einem neuen Fenster

Der richtige Unterhalt dieser biologisch vielfältigen Flächen kostet zwar, denn sie dürfen etwa nicht zu früh und nicht auf einen Schlag gemäht werden. Aber für die Tier- und Pflanzenwelt zahlt sich dieser Einsatz aus, wie verschiedene Untersuchungen zeigen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 22.02.20, 12:40 Uhr

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Überall wo Wohnsiedlungen sind gibt es nur noch Bäume und Rasen. Oft ist der Rasen unansehnlich und vermoost. Die Hausbesitzer könnten doch eine kleine Fläche mit Wildblumen pflanzen. Gut für die Biodiversität und das Auge. Kinder könnten Blumen und Insekten beobachten und daraus lernen. Könnte ja sein, dass Naturliebhaber diese kleine Fläche auch pflegen würden. Es ist wichtig, dass die Arten zurückkehren und nicht noch mehr verdrängt werden, sie sind der Kreislauf des Lebens.
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  • Kommentar von Hubertus Wach  (H. Wach)
    Dieser Artikel tönt gut – wird aber kaum umgesetzt. Z.B. Luzern: Die städt. Betriebe sind für 150 ha (1‘500‘000 qm) Grünflächen mit Bäumen, Sträuchern u. Rasenflächen zuständig. Es werden jährl. über 100 Bäume gefällt, 70-80% aller Haselnussbäume wurden reduziert, zahlreiche Partien mit blühenden Sträuchern wurden abgeholzt. Alle blühenden Naturrasenflächen werden in Teppichrasen verwandelt. Alleine die 40-60 ha grossen Freibäder werden f. 30-40 Badetage v. 365 in leblose Öd-Flächen verwandelt.
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    1. Antwort von Hubertus Wach  (H. Wach)
      Blütenträchtige, Schatten spendende, Sauerstoff produzierende, Feuchtigkeit erhaltende Naturrasen werden viele Mal/Jahr mit schweren Aufsitzmähern m. Grasfänger zu leblosen, monotonen Teppichrasen verunstaltet. Die verdichteten Böden nehmen kein Wasser auf. Bei Hitzeperioden werden Bäume/Sträucher krank. Als Folge sind viele Arten in unserem Quartier verschwunden: Regenwürmer, Insekten, Schmetterlinge, Mistelamsel (wg. gefälltem Vogelbeerbaum), Eichhörnchen (keine Haselnüsse) u. andere Arten.
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  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    Kleinflächiges, das Gemüt und die Seele Erfreuendes ist wichtig. Dennoch die Zögerlichkeit mit der wir hier in der Schweiz gegen den Generalangriff gegen Natur, Mitwesen und damit gegen uns Selbst entgegensetzen, ist nicht wirklich gegeignet diesem Krieg, der einer ist adaequat zu begegnen.
    Was nicht heisst das Eine tun und das Andere nicht lassen.
    Aber klar ist Hoffnung kann ein schlechter Berater in Zeiten eines Generalangriffes gegen das Lebendige sein.
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