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Legende: Audio Das Phänomen der ungewollten Mädchen abspielen. Laufzeit 05:53 Minuten.
05:53 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 20.04.2019.
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Das falsche Geschlecht Auch in Europa werden mehr Mädchen abgetrieben

In manchen Ländern wird das männliche Geschlecht so stark bevorzugt, dass massenhaft Mädchen abgetrieben werden. Besonders verbreitet ist dies in Indien und China – doch es sind auch Länder in Europa betroffen.

Albanien und Montenegro – in diesen beiden europäischen Staaten beenden manche Eltern eine Schwangerschaft, weil sie das ungeborene Mädchen nicht wollen. Dies zeigt eine neue Studie, die dieses Phänomen weltweit so genau untersucht hat, wie wohl keine zuvor.

Lebensgefährlich werde es für ungeborene Mädchen, sagt Studienautorin Fengqing Chao von der Universität von Singapur, wenn in einer Gesellschaft drei Faktoren zusammenkämen: «Wenn Eltern Zugang zu diagnostischen Methoden erhalten, die das Geschlecht des Ungeborenen anzeigen, wenn in einer Gesellschaft Söhne traditionell stark bevorzugt werden, und wenn die durchschnittliche Kinderzahl in den Familien abnimmt.» Dann gehen die Eltern auf Nummer sicher und treiben ab, wenn das ungeborene Kind ein Mädchen ist.

Ungewollte Mädchen

In Albanien begann diese verhängnisvolle Praxis nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in den 1990er-Jahren. «Der Umsturz löste grosse wirtschaftliche und psychische Unsicherheit aus», sagt Mathias Lerch vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung.

Rosa Babysocken liegen neben einem Schwangerschaftstest.
Legende: Mit neuen diagnostischen Methoden kann schon früh in der Schwangerschaft das Geschlecht des ungeborenen Kindes angezeigt werden. Colourbox

Halt gaben in dieser Situation die Familie und die patriarchalische Tradition, die in den Zeiten des Kommunismus unterdrückt worden war. Dies führte zu vermehrten Abtreibungen von ungewollten Mädchen.

Tief verankert

Es sind also nicht nur Gesellschaften weit weg von uns, zum Beispiel in China und Indien, in denen diese Praxis herrscht. Es geschieht auch hier in Europa – und das sogar näher, als man vermuten könnte, sagt Mathias Lerch: «Manche Migranten handeln auch in ihrer neuen Heimat so, zum Beispiel manche Albaner in Italien und Inder in Grossbritannien.»

Das heisst: Dieses Verhalten ist tief in der Kultur verankert – und westeuropäische Staaten schaffen es nicht, dies komplett zu verhindern.

Immerhin: Die neuesten Zahlen, die das Team um die Demografin Fengqing Chao nun präsentieren, lassen hoffen. In vielen Ländern, in denen ungewollte Mädchen abgetrieben werden, nimmt diese Praxis ab – auch in Albanien.

Der Staat kann eingreifen

Am deutlichsten zeigt sich der Trend in Südkorea, wo diese Art von Abtreibungen nach 30 Jahren komplett verschwunden ist. Fengqing Chao sagt, aus diesem Beispiel könnten andere Staaten lernen.

Die südkoreanische Regierung habe viel getan, um die Stellung der Frauen und ihre Bildung zu verbessern – und sie habe auch gegen die Vorliebe für Söhne gekämpft.

Langsamer Wandel

In Albanien müsse man allerdings abwarten, ob der positive Trend anhalten wird, sagt Mathias Lerch. Albaniens Gesellschaft sei auf die Arbeitsmigration in andere Länder angewiesen. Und meistens wandern die Männer aus.

Familien ohne Männer seien deshalb stärker von Armut bedroht, so Lerch. «Und deshalb muss man beobachten, wie sich der Trend weiterentwickelt, denn kulturelle Veränderungen gehen nicht so schnell voran.»

26 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Christmann (chrischi1)
    Abtreiben ist sowieso ein Verbrechen, ich habe dies der Mutter meiner 7-jährigen Tochter in mühsamster Kleinarbeit ausgeredet. Ich Danke Gott dafür, dass dies gelungen ist, auch wenn ich jetzt alleine für die Kleine da bin. Dass das Abtreiben von Mädchen jedoch mit Europa in Verbindung gebracht wird ist schlicht und einfach unwahr, denn es entstammt sicher nicht der europäischen, christlichen Gesinnung.
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    1. Antwort von Walter Matzler (wmatz)
      Die europäisch christliche Gesinnung, wie Sie Herr Christmann es nennen, ist stark vom Katholizismus geprägt. Ist es nicht so, dass gerade auch da die Frauen den Männern nicht gleichgestellt werden. Gibt es nicht die Erbsünde, die den Frauen angelastet wird? Sind es nicht Frauen die nicht Priester werden dürfen? Sind es nicht Frauen die in der Regel die Folgen einer unerwünschten Schwangerschaft - oft in Armut - ein Leben lang austragen müssen? Fragen über Fragen!
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    2. Antwort von Werner Christmann (chrischi1)
      Den Katholizismus des Mittelalters haben wir zweifelsfrei überwunden. Dass Frauen nicht Priester werden dürfen, na ja, jeder Verein hat seine Regeln. Auch wenn wir in Europa eine zunehmend wertefreie Gesellschaft haben sollten doch noch einige christliche Regeln hängengeblieben sein. Eine für mich Zentrale ist: Du sollst nicht töten, egal in welchem Zeitraum ein Leben stattfindet.
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    3. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      "Den Katholizismus des Mittelalters haben wir zweifelsfrei überwunden" Das erscheint vielen Gläubigen aus dem Bistum Chur aber ganz anders.
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  • Kommentar von Walter Matzler (wmatz)
    In unserer näheren Umgebung ist das glücklicherweise nur eine Randerscheinung die vermutlich wenn schon eher bei Migranten vorkommt. Dennoch, Frauen werden auch bei uns immer noch diskriminiert. Schlechtere Bildungschancen, schlechter bezahlt im Arbeitsleben, Minderwertig in religiösen Bereichen und von primitiven - leider auch gebildeten - Männern als Sexspielzeug betrachtet. Hand aufs Herz: Männer sind weltweit nicht bereit ihre Vormachtsstellung aufzugeben.
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  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    @wermuth: Fraglich ob die Praktiken des Femizids einer dieser monotheistischen Religionen, patriarchaler Ausprägung allein zuzuordnen sind. Die Norm in solchen ist der Mann. Die Abweichung das Weibliche, damit auch Frauen und wie kann es anders sein 'die Natur' in all ihren Aspekten. Kapitalismus, Zerstörung der Ressourcen, Überbevölkrung, Militarisierungs, WHO-Gesundheitskampanien. Frauen dürfen nie müde werden diesem gemeinsamen Nenner ‚Patriachat‘ grösste Aufmerksamkeit zu schenken.
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