Nachhaltige Schifffahrt Der Frachthafen der Zukunft funktioniert wie von Geisterhand

Der Containerhafen in Hamburg ist einer der grössten weltweit. Dank neuen Technologien soll er noch weiter wachsen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Stadt Hamburg möchte ihre CO2-Emissionen senken. Auch der Hafen soll Energie sparen.
  • Das Containerterminal Altenwerder (CTA) macht das vor. Es hat eine der weltweit modernsten Anlagen. Vieles ist automatisiert.
  • Sogenannte AGVs («Automated Guided Vedhicles») transportieren Container fahrerlos. Bald sollen sie mit Batteriebetrieb funktionieren.

T-Shirts aus Asien, Steaks aus Südamerika, gentechnisch verändertes Saatgut aus Nordamerika – im Hamburger Hafen treffen Güter aus aller Welt ein. 2015 wurden hier 8.8 Millionen Standardcontainer umgeschlagen. Damit liegt Hamburg an dritter Stelle in Europa und an 19. Stelle weltweit. Bis 2025 sollen es jährlich rund fünfzehn Millionen Container werden.

Ein grüner Hafen

28 min, aus Kontext vom 27.02.2017

Das Wachstum ist nicht nur eine logistische, sondern auch eine ökologische Herausforderung. Denn die Stadt Hamburg will ihre CO2-Emissionen deutlich senken, ihren Energiebedarf vor allem aus erneuerbaren Energien decken. Ein Grossteil des industriellen Energieverbrauchs entfällt auf den Hafen.

Wie von Geisterhand

Wie die Klimaziele erreicht werden sollen, kann man im Containerterminal Altenwerder (CTA) besichtigen. Dort hat die Zukunft schon begonnen. Das Terminal hat eine der weltweit modernsten, weitgehend automatisierten Containeranlagen.

Auf dem eingezäunten, etwa 30 Fussballfelder grossen Areal kurven Dutzende Containertransporter hin und her. Sie ähneln den Schleppern, die Flugzeuge auf dem Vorfeld von Flughäfen manövrieren. Ihr Name: AGV, «Automated Guided Vehicle».

Sie alle rollen fahrerlos über ihren Arbeitsplatz. Etwa 19'000 Transponder, im Boden eingelassen, leiten sie wie von Geisterhand, so perfekt, dass sie sich nie in die Quere kommen. Die Befehle für die 95 Arbeitsroboter kommen aus der nahen Kommandozentrale.

Ein Bild von Projektleiter Boris Wulff in der Hafenanlage in Hamburg. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Boris Wulff leitete das Forschungsprojekt BESIC. SRF/Michael Marek

Nahezu lautlos – und viel umweltfreundlicher

Noch haben die meisten Schleppfahrzeuge Dieselmotoren, die mit ihren Abgasen die Luft verschmutzen. In Zukunft sollen sie auf Batteriebetrieb umgestellt werden. Elektrische AGVs sind sehr viel umweltverträglicher und nahezu lautlos.

Boris Wulff leitete bei der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) bis Ende 2016 ein Forschungsprojekt, das vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützt wurde – BESIC, «Batterie-Elektrische Schwerlastfahrzeuge im intelligenten Containerterminalbetrieb».

Energietanken im Blechschuppen

Die Batteriewechselstation sieht aus wie ein überdimensionierter Blechschuppen. Boris Wulff öffnet eine Tür und tritt hinein. Drinnen nimmt ein haushohes Gerüst die Hälfte der Halle ein. Ein Rolltor öffnet sich, Schlepper 86 schnurrt herein.

«Der AGV weiss selbst, wann seine Energie zur Neige geht», erklärt Wulff, «er kommuniziert mit der Station hier. Sobald er seine genaue Parkposition eingenommen hat, wird ihm die Batterie entnommen und eine neue eingesetzt».

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Zwölf Tonnen schwerer Akku

In einem haushohen Stahlgerüst lagern die riesigen Batterien, jede einzelne wiegt zwölf Tonnen. Ein Stapler greift ins Chassis des AGV, entnimmt den zwölf Tonnen schweren Akku und ersetzt ihn mit einem frisch geladenen. Nur fünf Minuten dauert der komplett maschinengesteuerte Prozess, dann setzt die 86 zurück und rollt wieder zur Arbeit.

Fahrzeuge mit Batterien, die bis 70 Tonnen Containerlast bewegen können, sind eine Herausforderung. Alle 20 Stunden sind sie entladen, sie sind sehr schwer und nicht wartungsfrei, da manuell Batteriewasser nachgefüllt werden muss.

Die nächste Generation ist bereits erfolgreich getestet worden, so Wulff. Lithium-Ionen-Batterien wiegen nur noch ein Zehntel und sind fast wartungsfrei, «aber», sagt der Ingenieur, «sie kosten zurzeit auch noch zehnmal soviel».

Frage des Timings

Auch die Energiekosten sollen drastisch sinken. Das Stichwort dazu heisst Ökospitzen. Da der in Norddeutschland vorwiegend aus Windparks gewonnene Strom stark schwankt, tun dies auch die Kosten. Wenn die Akkus der Schlepper dann nachladen können, wenn der Preis am günstigsten ist, lässt sich viel Geld sparen.

Eine Software registriert, wenn die Offshorewindparks in der Nordsee besonders flott am Rad drehen. Das Timing für Nutzungs- und Ladungszyklen der Batterien zu optimieren, das ist Wulff und seinem Team bereits gelungen.

«Das Projekt hat unsere Erwartungen mehr als erfüllt», resümiert denn auch HHLA-Vorstandsmitglied Stefan Behn. «Wir möchten zeigen, dass wir verantwortlich mit der Umwelt umgehen und damit die öffentliche Akzeptanz für unseren Hafen erhöhen.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 28.2.2017, 9:00 Uhr.

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