Buch zur Genforschung Die Gene bestimmen unser Schicksal

Vom abstrakten Konzept zur mächtigen Wissenschaft: In seinem neuen Buch verknüpft der Mediziner und Bestseller-Autor Siddhartha Mukherjee die Geschichte der Genforschung mit seiner eigenen Familiengeschichte.

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Bildlegende: In seinem Buch erzählt Mukherjee die Geschichte des Gens anhand seiner Familiengeschichte. Getty Images

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Wissenschaftler und Schriftsteller Siddhartha Mukherjee macht in seinem neuen Buch Genetik erzählbar.
  • Im Buch verknüpft er das Thema Genetik mit seiner Familiengeschichte.
  • Mukherjee glaubt, dass die Genetik heute am gleichen Punkt steht wie Atomphysik vor knapp 80 Jahren.

Er hat es wieder getan: Siddhartha Mukherjee hat sein zweites Buch geschrieben. Nach «Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie» hat sich der Amerikaner einen fast noch grösseren Brocken vorgenommen: Er will die Genetik erzählbar machen. In seinem Buch «Das Gen» hat er genau das versucht – und geschafft.

Genetik an sich ist extrem trocken und abstrakt. Deshalb steigt Mukherjee gleich mit einer persönlichen Geschichte ein, der seiner Familie.

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Bildlegende: Was darf und soll in der Genforschung gemacht werden? Siddhartha Mukherjee fordert eine gesellschaftliche Debatte. Keystone

Zwei Onkel und ein Cousin psychisch krank

Mukherjee stammt aus Indien. Er erzählt, wie zur Zeit der Teilung Indiens erst ein Onkel psychisch krank wurde, dann der zweite und schliesslich Jahre später auch einer seiner Cousins. Zwei Onkel, ein Cousin: ein typisches Muster für Familien, in denen Schizophrenie oder bipolare Störungen vorkommen. Diese Krankheiten sind zu einem guten Teil genetisch bedingt.

Mukherjee hat sich selbst also früh die Frage gestellt, ob er auch vorbelastet sein könnte. Er hat schon bei einem der ersten Dates mit seiner späteren Frau von dieser Befürchtung erzählt. Er fand es fair, sie zu informieren, dass er möglicherweise Gene trägt, die krank machen können.

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Umstrittene Genforschung

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Gene sind mächtig

So wird schnell klar: Gene sind alles andere als abstrakt. Sie bestimmen einen Teil unseres Schicksals.

Mukherjee geht noch weiter: Er vergleicht den Punkt, an dem die Genetik heute steht, mit dem, an dem die Atomphysik im Jahr 1939 stand. In diesem Jahr wurde klar, dass alle Einzelschritte zum Bau einer Atombombe schon einmal ausgeführt wurden. Es fehlte nur noch, dass jemand all diese Schritte nacheinander machte und tatsächlich die Bombe baute.

So sah es Albert Einstein und schrieb deshalb einen Brief an den US-Präsidenten. Die Folge: das Manhattan-Projekt und der Bau der ersten Bombe.

Was tun mit dem Wissen?

Genetiker stehen heute an einem ähnlichen Wendepunkt. Denn es ist – so die Meinung vieler Experten – nur noch eine Frage der Zeit, bis jemand einen lebensfähigen menschlichen Embryo mit verändertem, «korrigiertem» Genom geschaffen hat. Wenn es nicht schon geschehen ist.

Mukherjee fordert eine breite, gesellschaftliche Debatte: Was darf und soll gemacht werden? Und was nicht? Er erzählt deshalb in vielen, gut recherchierten, schön erzählten Geschichten davon, wie aus dem abstrakten Konzept «Gen» eine Wissenschaft wurde.

Diese gibt heute den Menschen Techniken an die Hand, die ähnlich mächtig sind wie 1939 jene zur Spaltung des Atoms.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 29.06.2017, 09:02 Uhr

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